Kultur : Viva Fidel! Grüße an den Papst

Zehn Tage Theater auf historischem Grund: Ein Gespräch mit Klaus Maria Brandauer über Nazis, Natur, den Pariser Platz, die deutsche Grammatik und Hitlers Architekten Albert Speer TAGESSPIEGEL: Herr Brandauer, nach Ihrem Film über den Hitler-Attentäter Elser 1991 haben Sie gesagt, Sie hätten die Beschäftigung mit der Vergangenheit für lange Zeit satt.Jetzt widmen Sie sich Albert Speer, dem Architekten Hitlers - nicht gerade ein Blick in die Zukunft. BRANDAUER: Im Gegenteil.Was hier am Potsdamer Platz neu entsteht, das ist Zukunft.Die Möglichkeit, ein bißchen dabei zu sein als kleines Sandkörnchen in einer riesigen Baustelle, das ist schon faszinierend.In diesem Zusammenhang schrieb auch Esther Vilar ihr Stück, eigentlich ihren Diskurs.Wer sich mit der Geschichte dieses Platzes beschäftigt, kommt an Albert Speer nicht vorbei.Hier war seine Generalbauinspektion, im Ausstellungssaal der Akademie stand das Modell der "Welthauptstadt Germania".Wir sind vielleicht sogar eine Art Spurensicherer. TAGESSPIEGEL: Wollen Sie aufklären, gar aufrütteln, ermahnen? BRANDAUER: Aufrütteln ja.Zum Aufklären und Ermahnen gibt es Berufenere.Speer ist eine faszinierende Persönlichkeit.Ich sage das wertfrei.Unter der Lufthoheit der Alliierten riskiert er sein Leben, um kurz vor Kriegsende nach Berlin zu fliegen, vor dem Brandenburger Tor zu landen und Hitler auszureden, daß er ihn, Speer, zu seinem Nachfolger bestimmt.Speer... TAGESSPIEGEL: ...der, wie es im Programmheft heißt, "durch den systematischen Einsatz von Zwangsarbeitern die Rüstung wieder auf Erfolgskurs brachte und Deutschland in den totalen Krieg führte"... BRANDAUER: ..genau dieser Speer ist in vielfacher Hinsicht ein Beispiel für die Nazizeit.Nach fast 70 Jahren, ein Stück zu schreiben oder aufzuführen, dessen Botschaft ist: Die Nazis waren brutal und grausam, das ist nicht besonders originell und mutig.Mich interessiert nicht so sehr, ob einer ein Nazi war, sondern mich interessiert brennend, ob er noch einer ist.Dazu braucht man natürlich auch eine Analyse der Vergangenheit.Es geht nicht um Verurteilen im Nachhinein.Das steht uns auch gar nicht zu.Dazu können nur Opfer und Täter etwas sagen. TAGESSPIEGEL: Nochmal: Kann man Millionen Tote einfach ausklammern? BRANDAUER: Nochmal: Wir klammern sie nicht aus.Wie könnten wir.Der Speer, der gelebt hat, ist aufgrund der Fakten Teil unseres Stückes.Wie gesagt, wir wollen nicht urteilen, aber wir hoffen sehr, daß wir durch die Aufbereitung der Fakten Beurteilungsmöglichkeiten anbieten.Die Frage ist nicht, was hat Speer getan? Die Frage ist: wo beginnen Speersche Möglichkeiten in uns? Ich habe da durchaus meine persönliche, selbstverständlich auch moralische Wertung.Die darf aber einen Theaterabend nicht ausschließlich bestimmen. TAGESSPIEGEL: Fühlen Sie Verantwortung? BRANDAUER: Ich bin Schauspieler und Regisseur und ich bin das gerne.In erster Linie aber bin ich Mitglied einer Gesellschaft.Das zählt.Es gibt Menschen, die sagen: Politik interessiert mich nicht.Das ist ein politisches Statement.Und zwar ein saudummes.Es gibt Menschen, die nutzen ihren Beruf, um sich zu verstecken.Das lehne ich ab. TAGESSPIEGEL: Wie funktioniert die Kombination als Regiseur und Darsteller - in der Zusammenarbeit mit einer sehr eigenwilligen Autorin. BRANDAUER: Die Grundlage ist die deutsche Grammatik, der Text.Für mich hat Werktreue nichts mit Einfallslosigkeit zu tun.Mir hat das, was Esther Vilar geschrieben hat, sehr gut gefallen.Die Interpretation ist eine interessante Herausforderung.Zu meiner großen Überraschung hält man Esther Vilar für eine Schriftstellerin, die für die Rechte der Frauen und gegen die Männer kämpft.Ich habe eher den Eindruck, sie sorgt dafür, daß die Männer nicht total untergebuttert werden.Sie wird offenbar mißverstanden. TAGESSPIEGEL: Berühmt geworden sind Sie durch Filme wie "Mephisto", "Hanussen" oder "Jenseits von Afrika".Es scheint, als suchten Sie in letzter Zeit wieder vermehrt die Bühne. BRANDAUER: Ich bin mit dem Theater verheiratet und mache Seitensprünge, ohne untreu zu werden. TAGESSPIEGEL: Sind Sie noch in ein Theaterensemble zu integrieren? BRANDAUER: Man ist gefordert, Texte zum Leben zu erwecken.Das kann man nur gemeinsam.Das ist eine schwere Arbeit.Ohne Ein- und gegebenenfalls auch Unterordnung ist das nicht möglich.Im Gegensatz zu Musikern haben Schauspieler kein Instrument.Theater, das ist ein minutiös organisierter Hochleistungssport, wir stellen uns aus, wir hauen uns einfach hinaus.Dazu gehört viel Mut.Und, darf ich es sagen? Ich bin ein begeisterter Ensemble-Schauspieler. TAGESSPIEGEL: Warum spielen Sie das Stück "Speer" nur 10 Tage lang? BRANDAUER: Es ist ein kurzes Innehalten.Die zweite Vorstellung wird im Fernsehen live übertragen und vielleicht ist es auch möglich, zu einem späteren Zeitpunkt, wenn das Berliner Publikum will, das Stück wiederaufzunehmen. TAGESSPIEGEL: Was verbinden Sie persönlich mit diesem historischen Ort? BRANDAUER: Wenn ich in die Akademie der Künste am Pariser Platz gehe, um zu probieren, dann begebe ich mich meistens über den unteren Eingang am kleinen Turm hinein.Da ist die Arrestzelle der früheren Grenzwache, da sind noch die alten Tapeten, die Schreibtische.Da wohnt jetzt ein Maler mit seiner französischen Geliebten.Da ist die Spezialtür, durch die Hitler immer hereinkam, um mit Speer an den Modellen zu "spielen".Der Blick hinaus, wo früher die Mauer stand, das Liebermann-Haus, Erinnerungen an Besuche bei Heiner Müller.Mein Gott, was mir alles in den Sinn kommt.All das gilt es auch zu vermitteln.Das bereitet, auch dort wo es schmerzhaft ist, einen betroffen macht, Vergnügen. TAGESSPIEGEL: Also doch der Blick zurück? BRANDAUER: Ja.Aber gibt es eine Zukunft ohne Vergangenheit? Der Pariser Platz ist ein Ort vielfältiger Verwicklungen, tragischer Verbindungen und Geschichten.Er steht auch exemplarisch für das Fehlverhalten der Menschen, über Jahrtausende, nach immer denselben Mustern.Nach allem was wir wissen, wird sich daran auch in Zukunft nichts ändern, fürchte ich.Das ist so erschreckend, daß ich gelegentlich denke, vielleicht sind wir alle ein Betriebsunfall der Natur.Wie auch immer, wir können ja noch viel darüber nachdenken, schreiben, singen, spielen; doch gibt es Gott sei Dank die Möglichkeit, sich zu verlieben, einen Kaffee zu trinken, gut zu essen, eine gute Zigarre zu rauchen.Viva Fidel! Und liebe Grüße an den Papst!

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