Kultur : Viva la diva

Renée Fleming zu Gast in der Berliner Philharmonie

Christine Lemke-Matwey

Huch, was macht denn der ältere Herr da? Arbeitet sich mit einem Blumenbouquet aus dem Parkett nach vorn, dorthin, wo ein kleines Treppchen aufs Podium führt. Erklimmt die erste Stufe, die zweite – und verharrt. Senkt das Haupt, die Floristik fest ans Herz gedrückt, macht einen perfekten Diener. Um neuerlich zu verharren. Minutenlang. Bis Renée Fleming ihn erlöst, in ihrem Dior-Traum aus Taft und Tüll herniederschwebt, das Bouquet empfängt, ihm die Hand zum Kuss reicht. Schäumende Ovationen im Saal. Eine echte Diva, sagt die Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen, fällt niemals aus der Pose. Die echte Diva verbindet „Himmel und Hölle“.

So geschehen nach dem Vilja-Lied aus Lehárs „Lustiger Witwe“, dem zwölften und offiziell letzten Programmpunkt an diesem Abend in der Philharmonie. Wobei gerade dieser kaum zu Flemings echten Stärken zählen wollte. Wie schlicht (und gleichwohl operettenselig!) die Weise vom „Waldmägdelein“ gehört, ganz ohne künstlichen Schmalz, das höre man beim alten Richard Tauber oder auch bei Anneliese Rothenberger. Überhaupt ist das gerade, im besten Sinn einfältige Gefühl Flemings Sache nicht. In Mozarts „Laudamus te“ aus der c–Moll- Messe KV 427 gleich zu Beginn klangen ihre Koloraturen seltsam rau und unausgeglichen, in „Dank sei dir, Herr“ eines gewissen Siegfried Ochs (nach Händel) wackelte die Intonation, driftete das Timbre ihres üppigen, farbenreichen Soprans bisweilen gar ins Säuerliche ab.

Auch Weltstars auf CD-Promotion- Tour („Homage“, Decca 475 8070) aber müssen sich eben erst einsingen. Bei „Poveri fiori“ jedenfalls aus „Adriana Lecouvreur“ schienen alle Akklimatisierungsprobleme wie weggepustet. Plötzlich wusste man wieder, warum Fleming den Spitznamen „Ms. Doublecream“ trägt: Ihre so keusche wie fleischeslustige Verschränkung von Kopf- und Brustregister, diese virtuos gemischte Lage ist einzigartig – und schwer erotisch. Auch Puccinis „Vissi d’arte“ lebt bei ihr ganz von der Kunst der Andeutung (wenngleich es ein paar Schluchzer weniger auch getan hätten). Dass Fleming noch über die Magie des Augenblicks allzeit die Kontrolle wahrt, ließ die beiden Korngold-Arien nach der Pause schließlich regelrecht funkeln. Mochte die Nordwestdeutsche Philharmonie unter Andreas Delfs gerade hier auch viel zu laut und zu pauschal agieren: Einer so seriösen, blitzsauberen Sängerin wie ihr steht das dekadente, weltlüstern ausufernde Repertoire zweifellos gut zu Gesicht. Weil es ihr jene teuflische „Hölle“ nahebringt, die sie selbst nur mehr vom Hörensagen kennt. Und ein bisschen auch den göttlichen „Himmel“.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben