Viviane Sassen-Ausstellung : Im Schmelztiegel von Licht und Schatten

Viviane Sassens Fotografien falten den Bildraum und besitzen eine geradezu poetische Sogkraft. Das Hamburger Haus der Photographie widmet ihr eine beeindruckende Soloschau.

Jens Hinrichsen
Lemuren sollt ihr. Der C-Print „Lemogang“ aus dem Jahr 2013. Foto: Viviane Sassen
Lemuren sollt ihr. Der C-Print „Lemogang“ aus dem Jahr 2013.Foto: Viviane Sassen

Origami, könnte man denken. Als hätte Viviane Sassen für den ersten Raum ihrer Soloschau Faltobjekte aus Papier fotografiert. Sie faltet ja auch – den Bildraum. Wer die zwölf mittelgroßen Abzüge der Serie „Axiom“ genau betrachtet, erkennt: In den Wüstensand, von gleißender Sonne beschienen, hat die Niederländerin Spiegel geschoben, die Sand oder Himmelblau reflektieren. Zusätzlich hat sie farbige Schatten aus Filterfolien in die Bilder gezaubert, die mehr an konstruktivistische Malerei erinnern als an Fotografie. Aber wieso glauben wir eigentlich immer noch, die Kamera könne nur das Reale abbilden? Fotografie kann pure Imagination sein, und Viviane Sassen ist eine fantastische Erfinderin. „Umbra“ – Schatten – heißt die Ausstellung. Als Schatten erscheinen die Dinge flächig. Umrisse werden betont, Details, Oberfläche, Textur, Haut verschwinden. Stein, Pflanze, Mensch werden gleichrangig, oft verschmelzen ihre Schatten. Sassen trotzt der Erwartung, alles müsse bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet sein. Bei ihr ist das Licht dazu da, Schatten zu werfen.

Das 2005 eröffnete Haus der Photographie in den Hamburger Deichtorhallen, wurde von dem Modefotografen F. C. Gundlach maßgeblich konzipiert. Sein Metier spielt eine zentrale Rolle in seiner 8500 Werke umfassenden Sammlung, die mindestens bis 2023 als Dauerleihgabe im Museum verbleibt. Gundlach hat sich immer auch für „Zeitgeist“-Künstler wie Diane Arbus, Cindy Sherman oder Wolfgang Tillmans interessiert, die weit über das Mode-Genre hinausreichen. Wie Viviane Sassen, die in der Modefotografie mit Kampagnen für Miu Miu oder Louis Vuitton ebenso erfolgreich ist wie mit freien Projekten. 2013 wurden ihre Bilder auf der Venedig-Biennale gezeigt.

Selbst zu Schatten werden

1972 in Amsterdam geboren, hat Sassen drei Jahre ihrer Kindheit in Kenia verbracht. Sie kehrt immer wieder nach Afrika zurück, nicht zuletzt wegen des Lichts. „Es ist so viel stärker und knackiger“, hat sie einmal gesagt. Ein großer Teil der Motive in der Ausstellung stammt aus Afrika: ein Junge im schwarzen Gespensterkostüm, auf dem ein leuchtend weißes Comic-Skelett prangt. Zwei Schuhpaare auf rotem Lehmboden. Ein Stück verkohltes Holz, das wie ein menschlicher Torso wirkt. Gesichter sieht man kaum. Die vorwiegend farbigen Fotos sind zwar voller Bewegung und Gestik. Aber es gibt keine Blicke zurück, keine falsche Behauptung von Interaktion. Sassen erzählt in soghaft poetischen Bildern von unscharfen Zonen. Im vorletzten Raum „Soil“ (Boden) spitzt sich die Todesmotivik zu. Eine tote Ziege, ein Sarg, eine Grube rücken ins Blickfeld. In diesem Segment mischen sich Sassens Zeichnungen und Collagen unter die kleinformatigen Fotos.

In drei Räumen sind kinetische Installationen zu sehen. „Hurtling“ zeigt ein Video negativ umkopierter Hände, die das gleichnamige Gedicht der niederländischen Poetin Maria Barnas in Zeichensprache übersetzen. Auch im Text aus dem Lautsprecher: Leben und Tod, Lachen, Flug, Knochen und Asche. Zu den Höhepunkten der Soloschau zählt die Rauminstallation „Totem“, in der Sassen ihre Fotos per Video in gleitende Bewegung versetzt. Zwei spiegelsymmetrische Laufbildprojektionen, ergänzt durch einen wandfüllenden Spiegel, erzeugen an den Projektionsrändern Verfremdungseffekte. Laufend entstehen Formen wie Rorschach-Tintenkleckse. Weil die Projektoren hüfthoch angebracht sind, kommen auch die Betrachter ins Spiel. So dringen wir doch in Sassens gleißend düsteres Universum vor – wenn wir selber zu Schatten werden.

Deichtorhallen Hamburg, Haus der Photographie, bis 20.8.

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