Kultur : "Vizontele": Der Tüftler

Jan Schulz-Ojala

Emin ist alles in einem: Verrückter und Heiliger, Kleinstadtdepp und Genie. Emins Vater: ein Wunder- und Wundenheiler und schon lange tot. Emins Mutter: liegt oben auf dem Hügel begraben, und immer wenn ihr Lieblingslied im Radio kommt, stürzt Emin auf dem Fahrrad grabwärts und kommt dann doch immer zu spät. Emins große Liebe: ausgerechnet eine Dänin, alles schon fünf Jahre her, aber die Geschichte könnte auch ziemlich erfunden sein. Nebenbei ist Emin in seiner Eremitage abseits von Hakkari im sehr abseitigen Ostanatolien auch ein Tüftler: der einzige in der Gegend, der etwas von elektrischen Gerätschaften versteht. Wer also, wenn nicht Emin, wird das komische "Radio mit Bildern", das Leute aus Ankara abgeliefert haben eines Tages in Hakkari, zum Leben erwecken? - "Vizontele" nennen die Einwohner Hakkaris diese technische Neuerung, und gerade so hat Yilmaz Erdogan seinen Film genannt, in dem er selbst den fröhlichen Kauz namens Emin spielt. Wir sind in den 70er Jahren am mittleren Ende der Welt: Angenehm träge schleppt sich der Tageskreislauf vom Tee im Bürgermeisterbüro übers Essen bei Nachbars dem abendlichen großfamiliären Freilichtkinobesuch entgegen.

Das Fernsehen, dessen Installation sich dann als in jeder Hinsicht langwierig erweist, macht dieses osttürkische Idyll nicht kaputt. Aber es bringt, melancholischer Tupfer des heiter-bukolischen Erinnerungsgemäldes Erdogans, das Unabsehbare ins Vertraute - und im Zweifel schlimme Nachrichten in Echtzeit für alle. "Vizontele", in der Türkei ein Hit mit über drei Millionen Zuschauern, ist kein großer Film. Aber er zeichnet liebevoll ein Gesellschaftspanorama, wie es auch heute weltweit in ländlich geprägten Lebenswelten fortdauern mag: mit derben Späßen und feinen, in Schüchternheit eingekapselten Gefühlen, mit tolldreisten, stadtklatschträchtigen Aktionen und hübschen Allerweltseinsichten, wie man sie denn doch nicht alle Tage hört. "Warum liebt man die Heimat?", ruft der Bürgermeister einmal. Und antwortet sich selbst: "Weil man keine Wahl hat." Wiederwählen, den Mann!

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