Kultur : Vladimir Vertlibs Romandebüt beschreibt eine zehnjährige Irrfahrt

Thomas Kraft

Heimat ist immer anderswo und das Leben eine einzige Odyssee mit zahlreichen "Zwischenstationen, es wimmelt von falschen Vaterländern, im Wartesaal der Emigration sitzen auch Jahrzehnte nach der Shoah noch die modernen Ahasvers mit ihren Familien und suchen nach einer Möglichkeit, zwischen Zionismus und Antisemitismus eine Nische zu befriedeten Existenzgründung zu finden." Nach seiner 1995 veröffentlichten Erzählung "Abschiebung" taucht Vladimir Vertlib, 1966 in St. Petersburg geboren und heute in Wien und Salzburg lebend, in seinem Romandebüt wieder in seine bewegte Kindheitsgeschichte ein und rekapituliert mit schelmischer Leichtigkeit eine zehnjährige Irrfahrt durch die "Wunschländer" seiner Familie.

Vertlib verortet die Etappen auf diesem Zickzackkurs stets im gesellschaftlichen Kontext und beschreibt neben elterlichen Zwistigkeiten und kindlichen Ängsten eine Welt, die fast nur aus Behördenstempeln, Passanträgen, Protestbriefen und Aufenthaltsgenehmigungen zu bestehen scheint. Aus der Perspektive eines Jungen, der anfangs mit fünf Jahren die Vorschule am Stadtrand von Tel Aviv besucht und am Ende als 15jähriger in der Boston Public Library Ärger mit seiner Sozialversicherungsnummer hat, gelingen dem Erzähler hinreißende Dialogpassagen. Zwischen "Refjusniks", russischen Juden, die ihre Hoffnung ausschließlich auf Israel projizieren, Kaftanjuden, "Tschuschn", usbekischen Traditionalisten, chassidischen Hilfsorganisationen, orthodoxen und assimilierten Emigranten empfindet sich der Erzähler als "Jored", als Außenseiter, der in Büchern Trost findet und sich mit seiner schnellen Auffassungsgabe in den fremden Ländern zurechtzufinden sucht, bis sein ewig schimpfender Vater und seine pragmatische Mutter wieder einmal die Koffer packen.

Und immer wieder gibt es turbulente Ereignisse, die anekdotisch eingeflochten werden: die Geschichte von der Urne mit der Asche der Großmutter, die im St. Petersburger Linienbus zu Boden fällt und zerbricht, die spontane Hausverteidigung des "russischen Schlosses" in Wien-Brigittenau vor polizeilichem Zugriff, das Zigarettenetui mit der eingravierten Karte des Großdeutschen Reiches und das Führerbild in der Schublade der alten Nachbarin, das Bombenattentat auf den Bus in Tel Aviv, den die Mutter gewöhnlich nimmt, Goethes "Werther" als Beleg für jugendliches Interesse an deutschem Kulturgut. "Keine Frage: die Welt war wie eine Anzahl von Schachteln aufgebaut, die ineinanderpassten." Nur ist nicht für jeden Platz in diesen Schachteln und nicht jeder will hineinpassen. Am Ende zieht der Erzähler nach Salzburg, kauft sich einen Tirolerhut und beginnt zu jodeln. Ein Moment der Befreiung.Vladimir Vertlib: Zwischenstationen. Roman. Deuticke, Wien 1999. 295 Seiten, 34 Mark.

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