Kultur : Vögeln beim Vorspiel

So sieht das Theater der Zukunft aus: Sebastian Baumgartens „Jenufa“ in Meiningen

Jörg Königsdorf

Die Leute sind erbittert. „Um Himmelswillen, was stellen die bloß mit unserem Theater an!", macht einer von ihnen in der Pause seiner Bangigkeit Luft und reckt in pathetisch-komischer Verzweiflung die Hände gen Himmel. „Die", das sind Res Bosshardt, ehemals Chef der Hamburger Kampnagelfabrik und seit 2002 Intendant am traditionsreichen Meininger Theater, und sein neuer Chefregisseur Sebastian Baumgarten, der sich vorgenommen hat, ausgerechnet hier, im tiefsten Thüringen, das Theater der Zukunft zu erfinden. Eigentlich müssten dem 36-Jährigen schon deshalb die Herzen zufliegen: Soviel Idealismus ist selten bei Deutschlands saturierten Theatermachern.

Doch zum Theater gehören eben nicht nur die Idealisten, sondern auch das Publikum. Und das tut sich hier besonders schwer – gerade weil es an seinem Theater mit Leib und Seele hängt. Aus Tradition, und auch weil hier eine der wenigen Erfolgsgeschichten der Nachwendezeit geschrieben wurde: Mit cleveren Projekten gelang es dem Theater der 23000- Einwohner-Stadt immer wieder, Aufmerksamkeit zu erregen und seinen Einzugsbereich bis weit in die hochkulturell unterversorgten Gebiete des ehemaligen West-Zonenrands auszudehnen.

Doch jetzt hängen dunkle Wolken über dem Meininger Theaterhimmel. Und das nicht einmal aufgrund von Sparzwängen (obwohl auch die drückend auf dem Haus lasten), sondern weil hier modernes Theater gemacht wird, das den Vergleich mit den Hauptstadtbühnen nicht scheuen muss.

Auch bei Janaceks „Jenufa“, mit der Baumgarten nach einer umkämpften Produktion von Schnitzlers „Traumnovelle“ jetzt seine erste Opernarbeit abliefert, setzt der Widerstand schon zur Pause ein: Widerstand gegen die Kopulationsszene, die zum Vorspiel auf zwei Videoleinwände projiziert wird und doch nichts anderes liefert als die Keimzelle des Dramas: Jenufas Fehltritt mit dem Nichtsnutz Stewa (Yong Bae-Shin). Widerstand auch gegen das Bühnenbild von Robert Lippok und Valerie von Stillfried, aus dem jeder Bezug auf die ländlich-mährische Atmosphäre des Stücks getilgt ist. Stattdessen: Ein symbolbestückter Unort auf abschüssigem Asphalt, bevölkert von unangenehmen Gestalten. Die Alten sind erstarrte Apparatschiks unter Plastikmasken, die Jungen tumbes Spaßvolk wie die Richterstochter Karolka im prallen Ledermini – oder sie sind Außenseiter wie Laca (Typ Erfurter Amokläufer: Robert Chafin) und Jenufa (Jana Havranova als blonder Engel mit leidensfähigem Sopran) .

Das ist freilich alles andere als Provokation: So genau wie kaum ein anderer Regisseur zeigt Baumgarten, wie es den Menschen in der Oper ums Herz ist. Die Stärke seiner Inszenierungen liegt gerade in dieser Konzentration – der Rest ist Beiwerk, das nach Belieben gegen triftigere, ästhetisch an Frank Castorfs Volksbühnen-Stil angelehnte Versatzstücke ausgetauscht werden darf. Etwa gegen die gebrauchten Windeln, die sich bei der „Küsterin“ stapeln und die nachdrücklich daran erinnern, dass Jenufa und ihr Neugeborenes hier versteckt worden sind. Auch von dieser Küsterin ist wenig vom herkömmlichen Matronen-Gehabe übrig geblieben: Andrea Baker, die sich diese Rolle mit herzblutgesättigtem Mezzo auf packende Art zu Eigen macht, gehört als Hebamme mit Baptisten-Macke selbst zu diesem Außenseiter-Club. Sie ist eine, für die Pflichterfüllung die einzige Garantie bedeutet, akzeptiert zu werden, und die nach der Ermordung von Jenufas Baby am inneren Konflikt von religiöser Überzeugung und Geltungsbedürfnis wahnsinnig wird.

Mit Janaceks Musik verträgt sich das erstaunlich gut, mehr noch: Da die Bühne kein Landleben zeigt, gewinnen die Volksmusik-inspirierten Tanzrhythmen eine geradezu archaische Energie, wird die Verletzlichkeit von Janaceks der Sprache abgelauschten Melodien offen fühlbar, zumal Meiningens Chefdirigent FabrizioVentura auf packende Weise die Energieströme der Partitur freilegt.

Vielleicht kommen der Idealist Baumgarten und sein Publikum ja doch noch zusammen – am Ende dieses heißglühenden Abends gibt es sogar ein paar begeisterte Bravos. Es ist noch Hoffnung.

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