Kultur : Völker, hört das Triviale

„Der Rote Elvis“ im PANORAMA

H.P. Daniels

„Wer war eigentlich Dean Reed?“, fragten sich Stefan Ernsting und Leopold Grün angesichts eines Mannes, der 1986 unter mysteriösen Umständen in Ost-Berlin tot aus dem Zeuthener See gezogen worden war. So interessant erschien ihnen die kuriose Geschichte des amerikanischen Sängers und Schauspielers, des großen Popstars im Ostblock, den im Westen niemand kannte, dass sie sich gemeinsam auf Spurensuche begaben. Stefan Ernsting für sein Buch „Der rote Elvis“ (Aufbau Verlag). Und Leopold Grün für einen Dokumentarfilm gleichen Titels, der mehr ist als bloß die Visualisierung des Buches, vielmehr eine sehenswerte Ergänzung. Unzählige Filmschnipsel aus offiziellen und privaten Archiven hat Grün zusammengetragen sowie Interviews mit so unterschiedlichen Weggefährten, Kollegen und Freunden Reeds wie Egon Krenz, Armin Mueller-Stahl, Isabel Allende, chilenischen Bergarbeitern, alten Fans und alten Liebschaften des großen Frauenschwarms geführt.

So fügt sich das kurze und tragische Leben Reeds zusammen: 1938 in Denver, Colorado geboren, beschließt der gut aussehende Farmersohn, als Rock-’n’-Roll- Sänger und Schauspieler berühmt zu werden. Erfolglos in den USA, bringt er es als verdünnter Ersatz-Elvis zu erstaunlicher Popularität in Südamerika. Die Armut und gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten allerdings, die er dort erlebt, wecken sein soziales Gewissen, und Reed protestiert öffentlich gegen die USA, deren Politik in Lateinamerika und Vietnam, und eckt ständig an. Aus Liebe zu einer Ost-Berlinerin siedelt er 1972 schließlich in die DDR über. Dort avanciert er zum singenden Cowboystar, der etwas Glamour in die graue Tristesse des sozialistischen Alltags bringt. Frenetisch wird er gefeiert für seine verwässerten Versionen von Elvis- und Beatles-Songs.

Weil ihnen der aufrechte Marxist Reed gut ins Konzept passte, statteten ihn die SED-Bonzen mit allen nur erdenklichen Freiheiten und Privilegien aus, was den rührend naiven Sozialisten Reed wiederum blind machte für die kläglichen Zustände. Der Strahlemann sang pathetische Kampflieder auf FDJ-Veranstaltungen, gab in Ost-Western den politisch korrekten Cowboy, tourte durch den Ostblock, umarmte PLO-Chef-Arafat, sang für ihn „Meine jiddische Mamme“, weil er doch, wie er dem Freund Arafat erklärte, gegen den Zionismus sei, die Israelis aber trotzdem liebe, wie er als Internationalist doch alle Menschen liebe.

Natürlich wollte Reed auch selbst geliebt werden. Doch als Singer/Songwriter vom Kaliber eines Bob Dylan oder Bruce Springsteen in der DDR auftraten, begann der Stern des Mittelmäßigen zu sinken. Wegen seiner humorlosen und unkritischen Revolutionsposen ging er in der DDR vielen schon lange auf die Nerven. Reeds Ehe stand auf der Kippe, und mit der „offiziellen“ DDR schien er auch nicht mehr in Einklang. Er fürchtete das Älterwerden, hatte Heimweh nach den USA, wo auf eine neue Karriere allerdings wenig Hoffnung bestand. Obwohl aus seinem Tod 1986, den Stasi und DDR-Regierung zum Badeunfall umlogen, eine Zeitlang kühne Verschwörungstheorien gebastelt wurden, erklären Buch und Film, dass Reed, der schon lange unter Depressionen litt, sich selbst das Leben genommen hat.

Befremdlich allerdings scheint in der Dokumentation, dass Reeds letzte Ehefrau Renate Blume nicht zu Wort kommt. Die hatte die Rechte an ihrer Geschichte schon exklusiv an Tom Hanks verkauft, der mit sich selbst in der Hauptrolle das Leben des Dean Reed als Spielfilm auf die Leinwand bringen will.

Heute 14.30 (Cinestar 7), 14. 2., 17 (International), 15. 2., 15.30 Uhr (Colosseum 1)

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