Kultur : Völlig aufgelöst

Ulrich Clewing

Früher waren die Maler die großen Bilderfinder. Heute haben die Rolle des allgemeinen Fantasielieferanten vielfach die Medien übernommen: Zeitungen und Zeitschriften, Video und Fernsehen, nicht zu vergessen die Werbung – und die Künstler, so scheint es zumindest, reagieren nur noch darauf. Ganz unproblematisch ist das nicht. Denn die Bilder, die aus dem Bereich der Information und des Kommerz stammen, sollen Sehnsüchte wecken, sind aber in den seltensten Fällen ideal; sie verschaffen einem Kenntnisse, allerdings ohne den dazugehörigen historischen oder moralischen Überbau. Kurz: Sie fragmentieren die Wahrnehmung in lauter kleine, vom Sinnkontinuum abgekoppelte Einzelteile, die sich eventuell noch ähnlich sehen, tatsächlich jedoch nichts miteinander zu tun haben.

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Einer, der sich aus dem riesigen medialen Imagefundus besonders gern bedient, ist der Berliner Christian Hoischen . Seine letzten Ausstellungen bei Barbara Thumm hat der 1966 in Köln geborene Maler mit Werken bestritten, für die ihm Fotografien aus der Welt des Glamour als Vorlagen dienten. Rolex-Uhren und junge schöne Frauen, Popstars und ihre Posen: das war für Hoischen das Ausgangsmaterial, aus dem er Gemälde schuf, die den Betrachter gleich auch noch mit dem Kommentar versorgten. Selten hat man so kaputte, irgendwie auch mutwillig zerstörte Bilder gesehen, was nicht zuletzt an Hoischens Maltechnik lag. Beim Arbeiten verwendete er eine Mischung aus Epoxyharz und Styropor, in Folge dessen entstanden Blasen, Risse, Farbfehler, Herstellungsspuren der unterschiedlichsten Art, die dem Ganzen eine in ihrer Fragilität ergreifende, irritierende, substanziell irrlichternde Brüchigkeit verliehen.

So malt Hoischen immer noch, doch haben sich die Gewichte in seinen neuesten Gemälden ein wenig verschoben. Jetzt sind es überwiegend Fotos aus der Informationsindustrie, die er verfremdet, bis vom ursprünglichen Bild bloß noch ein Gerippe übrig ist. Ein verhafteter Betrüger im Anzug („Merkwürdige Geschäfte“, 14 000 Euro), ein Mordopfer im Abendkleid in einem Sportwagen („Help me, oh my God, my Girl“, 16 000 Euro), ein Rockerpärchen in uneindeutiger Situation („Übergriffig“, 14 000 Euro): Aus dem Zusammenhang gerissen, aber in ihrer Bildhaftigkeit sehr präsent, zeigen sich diese Malereien in all ihrem Weltzweifel. Was sieht man da eigentlich? Und warum kann man es nicht vergessen? Das sind die Fragen, aus denen Hoischen sein künstlerisches Weltbild baut (Dircksenstraße 41, bis 29. Juli) .

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Bilder, die ohne Medienerfahrung undenkbar wären, gibt es auch in einer Gruppenausstellung mit dem Titel Pittura fresca bei Spielhaus/Morrison in der Reinhardtstraße 10 (bis 15. Juli) . Das können abstrakte, geometrische Kompositionen sein, die einen entfernt an elektronische Bauteile erinnern, wie die speckig glänzenden, fast schon zu glatten und dabei ziemlich lustigen Gemälde von Ronald de Bloeme („Auslaufmodell“, 10 000 Euro). Oder kleinformatige, geradezu realistische Interieurs und Kulissenbilder, wie die von Uwe Wittwer („Interieurs negativ“, „Ruine“, beide 3000 Euro), in denen helle Lichterscheinungen für die nötige Metaphysik sorgen. Auch diese Arbeiten tragen, mal mehr ironisch, mal mehr romantisch, den Selbstzweifel in sich. Und die Ungewissheit darüber, was bleibt, wenn sich die Bilder auflösen.

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