Kultur : Vogelfederleicht

Der Pianist Murray Perahia in der Philharmonie.

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Zusätzlich zum angekündigten Programm spielt Murray Perahia zu Beginn erstmal Bach, wieder die Französische Suite Nr. 5, wie bei seinem Soloabend in der Philharmonie im März 2011. Er hat sie seitdem noch weiter verfeinert, noch klarer, noch heiterer ist sein Spiel, der luzide Anschlag, die vollendete Pedaltechnik, die sein Legatospiel mit den minutiös hineingewobenen Phrasierungen zur selbstverständlichsten Sache der Welt macht. Die Ohren gewaschen und raus aus dem rüden Alltag: Wenn wir Menschen so miteinander kommunizieren würden, wie Perahia musiziert, so freundlich und zurückhaltend, dabei doch verbindlich und mit höchster Aufmerksamkeit, dann wäre die Welt ein besserer Ort.

Auch sein Beethoven („Mondschein“- Sonate), sein Schumann („Faschingsschwank“), sein Schubert (Sonate Nr. 13 A-Dur) und die vier Chopin-Stücke zum Abschluss leben davon, dass Perahias Genauigkeit in die reine Natürlichkeit umschlägt. Als sei Musik nichts Komponiertes, sondern reine Unmittelbarkeit. Der 65-Jährige, dessen Fingerverletzung ihn seit Jahren zur Vorsicht zwingt, behauptet und beteuert nichts, hinterfragt auch nicht mit gründelndem Tiefsinn, sondern lässt den Tönen freien Lauf und nimmt jeden Druck von ihnen. Schon bei der „Mondscheinsonate“ hat er es ein klein wenig eilig: bloß kein Pathos, bloß kein Auskosten der Allbekanntheit dieses Repertoire-Hits. So verwandelt Perahia das weite Rund des Scharoun-Saals in eine Herzenskammer, mit einer Intimität, die einen vor Glück verlegen macht.

Wenn man ein Element benennen sollte, das seinem Spiel am ehesten entspricht, dann wäre es der Wind. Das Kopfsatzthema bei Schubert hebt er flugs in luftige Höhen, Chopins fis-Moll-Prélude lässt er wie in einem Lufthauch vibrieren und schillern, und im h-Moll-Scherzo op. 20 zaubert er die Windsbraut herbei, kein molto con fuoco am Ende, sondern ein Züngeln und Flackern in tausend Farben. Kein Wunder, dass er als zweite Zugabe Schuberts Es-Dur-Impromptu Nr. 90/2 wählt, dessen vogelfederleichte Läufe noch den letzten Rest Mühsal vertreiben. Auch das Impromptu hat er vergangenes Jahr schon gespielt. Manchmal ist Wiederholung die schönste Kunst. Christiane Peitz

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