Kultur : Voilà kein Mensch

-

Peter von Becker ist durch

den teuren armen „Napoleon“ gesurft

Der Korse hat es nochmal geschafft. Wieder hat er Deutschland erobert, zumindest das Zweite Deutsche Fernsehen. „Napoleon der Siegreiche“ meldet der Sender: denn über sieben Millionen Zuschauer sind am Montagabend, beim Finale des Vierteilers, dem gestürzten Kaiser ans Totenbett auf St. Helena gefolgt – und der Fernsehsuggestion, dass die perfiden Engländer da mit Arsen nachgeholfen hätten. Auch wenn wir aus soundsoviel Untersuchungen der hinterlassenen NapoleonLocke wissen, dass gar kein Gift im Spiel war, nur Magenkrebs. Doch egal. History & Fantasy sind heute in allen Medien die erfolgreichsten Geschwister.

Napoleon, der trotz Waterloo Siegreiche, ist im Fernsehfilm nichts als ein Eroberer. Der Frauen und der Länder. Und weil die Frauen nach der leider etwas muttchenhaft dreinsehenden Isabella Rosselini als Napis überdauernd geliebter Joséphine immer jünger und hübscher wurden (Anna Maria Lara als Gräfin Walewska!), weil die Salons gar so gülden glänzten und die Toupets, Dekolletés und Backenbärte (Heino Ferch!) wunderbar prangten, fiel kaum auf, dass es mit der Eroberung des Kontinents ein wenig haperte.

Das ZDF-Presseheft meldet 20000 Statisten und 3000 Pferde. Aber die waren, obwohl andauernd Schlachten geschlagen wurden, meist irgendwie unsichtbar. Napoleons Grande Armée der Hunderttausende erschien als wechselnde Dreihundertschaft, und wer gerade den „Herrn der Ringe“, Teil zwei, im Kino gesehen hat, der wünschte dem europäischen Fernsehen, wenn es bei seinen teuersten Produktionen schon so viel ärmer dreht als Hollywood, wenigstens ein paar computergeklonte Bataillone. Hier aber war wohl weder Zeit noch Geld für den russischen oder auch nur preußischen Winter – so schneite es ein bisschen weich- und weißgezeichnet über deutlich erkennbarem Sommerlaub, verschiedene Schlachten wurden offenbar an den gleichen Orten mit nur leicht veränderten Einstellungen gedreht, und der Kaiser aller Franzosen traf den Zaren, seine Marschälle oder auch Prinzessinnen und Mätressen am häufigsten zu Fuß, mitten im Wald oder auf Feldwegen, wie ein uniformierter Bauer.

Merkwürdig zudem die Karossen. Einmal saß der Kaiser gar selbst auf dem Kutschbock, und die übrigen Wagen gehörten zu den Ställen von Provinzbürgermeistern – es war, als hätte man Michael Douglas in „Wallstreet“ statt in die Stretchlimo jedesmal in einen Opel Manta gesetzt.

Ach, und dann der Gipfel. Der fehlende Gipfel! Während des Erfurter Fürstenkongresses treffen am 6. Oktober 1808 die beiden bedeutendsten Geister ihrer Zeit aufeinander: Napoleon, der nicht nur Krieger, sondern ein Hochgebildeter war und zweimal den „Werther“ gelesen hatte – und Goethe. Zwei Jahre zuvor hätten marodierende französische Troupiers den Dichterfürsten in Weimar fast getötet – wäre ihnen nicht Christiane Vulpius kühn entgegengetreten. Wenige Tage später hat Goethe dann, nach mehr als 15-jähriger Liaison, seinen „Bettschatz“ aus Dankbarkeit geheiratet. Und nun begegnen sich die Titanen zum ersten Mal leibhaftig. Napoleon lässt Goethe bei einer halb öffentlichen Frühstücksaudienz näher treten – und spricht den geflügelten Satz: „Voilà, un homme!“ Der Mensch Goethe wird nun in einen Disput verwickelt, man kommt auf Schicksalsdramen, und der Imperator sagt noch einen (unerhört modernen) Satz: „Was will man mit dem Schicksal? Die Politik ist jetzt das Schicksal!“ Im Film: nichts davon. Es war eine französisch-deutsche Koproduktion. Aber den Herrn von Goethe hat man sich gespart.

„Napoleons Märchen kommt mir grade so vor wie die Offenbarung Johannis: es fühlt ein jeder, daß noch etwas drinsteckt, er weiß nur nicht was.“ Das nun hat JWG gesagt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben