Kultur : Vokale Naschereien

ULRICH AMLING

Manchmal haben Konzertbesucher Kinderwünsche: Sie sehnen sich nach Überraschung, Spiel und Schokolade.Aber das sind ja gleich drei Dinge auf einmal.Das geht nun wirklich nicht! Geht schon, wenn man nette Tanten hat, die der Kinderseele in uns allen zu schmeicheln vermögen.Felicity Lott und Ann Murray, die sich gerne als singende Schwestern präsentieren, stricken mit Vorliebe gewagte Liederabende, die das Publikum permanent in freundige Erwartung versetzen.Die Ohren fein gespitzt, müssen dann noch nicht mal die Augen geschlossen werden, denn die beiden Britinnen verstehen sich ganz ausgezeichnet aufs Spiel.Komödiantisch pendeln sie zwischen reiferem Backfisch und verzickter Diva, bestätigen und werfen zugleich unsere Vorstellungen vom Star-Dasein über den Haufen.Dabei beginnt der Abend im Kleinen Saal des Schauspielhauses ganz in schöner Schlichtheit mit Liedern von Henry Purcell, eingerichtet von Benjamin Britten.Zart winden sich die Liebesklagen durch die Luft, wird das Inselreich hymnisch verklärt.Dabei zeigt Felicity Lotts Sopran in der Höhe über weite Phrasen hinweg eine leichte Brüchigkeit, die uns leise daran gemahnt, daß hier nicht von den Schmerzen der ersten Liebe gesungen wird.Von den Perlen des englischen Barock wechseln Lott und Murray in Duetten und Soli zu Robert Schumann, umwehen das vorweihnachtliche Publikum mit Frühlingsdüften, den Aufregungen der Liebe und dem Wissen um die Tränen des Verlusts.Dabei warten die Damen mit einer superben Artikulation auf, in jeder Silbe ein beglückendes Ineinander von Musik und Dichtung.

Von hier aus führt der Weg zu deutschen und französischen Weihnachtsliedern, gipfelnd in Poulencs Lied "Nous voulons une petite soeur", in dem der wiederkehrende Wunsch von siebzehn Töchtern, der nach einer weiteren Schwester ist.Dort sitzt der gutgelaunte Graham Johnson, der in der abschließenden Musik-Hall-Abteilung die 20er Jahre fein swingen läßt, während die Lied-Schwestern Spiel und Schokolade in gewaltigen Portionen unters Publikum bringen: Eine Zweideutigkeit jagt die nächste, britisch-gehemmte Ruder-Romeos und ladegehemmte Automobilisten versuchen Annäherungen - nein, von Sex kein Wort.We are british.Die Begeisterung forderte Zugaben, ehe die Konzertbesucher den Saal räumten, und seelig lächelnd die Erinnerung an ein Überraschungsei der Güteklasse 1a nach Hause trugen.

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