Kultur : Vokuhilas aus dem Underground

Hauptsache anders: das Filmprogramm der Berlin-Biennale

Katrin Kruse

Die Aufnahmen sind schlicht: in Zellophantüten verpackte Mauerstücke, aufgereiht auf Tapeziertischen gleich neben dem Brandenburger Tor, im nächsten Bild wild wuchernde Blumenbüschel am ehemaligen Todesstreifen, der nun von Radausflüglern durchfahren wird. Am Bahnhof Zoo als nächstem Drehort wartet eine Menschentraube in Stonewashed-Jeans und Vokuhila vor der Aldi-Filiale. „Countdown“, die Dokumentation der Filmemacherin Ulrike Ottinger, zeigt Berlin zehn Tage vor der DM-Einführung am 1. Juli 1990, lakonisch knapp. Ottingers Filme sind derzeit im Rahmen der Berlin-Biennale im Kino Arsenal zu sehen, vor allem solche, die Ost und West thematisieren oder homosexuelle Lebensformen, etwa in der „Berlin-Trilogie“. Denn sie fügen sich bestens in den Hub „Anderes Kino“, einem wichtigen Kapitel der Berlin-Biennale, die neben Kunst, Mode und Musik auch den Film berücksichtigt.

Mark Nash, zuletzt Co-Kurator der Dokumenta 11 in Kassel 2002 und verantwortlich für das Filmprogramm, hat den Begriff „anderes Kino“ neu eingeführt. Ursprünglich bezeichnete er das politische Kino aus Lateinamerika Ende der Sechzigerjahre, später ästhetische Filmpraktiken der politischen Opposition. Nash hat den Begriff jedoch auf das „queer cinema“ sowie die „Underground“-Produktionen der Achtzigerjahre übertragen. Das „Andere Kino“ will zeigen, dass es neben den offiziellen Filmstudios, der DEFA in Babelsberg und dem Fernsehen der DDR in Adlershof, auch eine subkulturelle Filmproduktion gab, „ästhetischen Ungehorsam auf ungewöhnlich hohem Niveau“, so Mark Nash.

Das Biennale-Programm bietet Raritäten, die noch nie im Kino gezeigt wurden wie das Super-8-Filmprogramm aus dem „ex oriente lux“-Archiv. Zugleich laufen Klassiker des „queer cinema“: Rosa von Praunheims „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt“ von 1970 oder Heiner Carows „Coming Out“, dem ersten und letzten Defa-Film über Homosexualität, der zeitgleich mit dem Fall der Mauer entstand. Oder Wieland Specks „Westler“ von 1985, der mit versteckter Kamera in Ostberlin gedreht wurde.

Den Ausgangspunkt bilden stets die Jahre um den Mauerfall, denn die Berlin-Biennale will die „alternative, subkulturelle und kulturkritische Praxis“ der späten Achtziger, also den „Mythos“ Berlin beleuchten. Sie will aufklären. Denn die „Ostalgie“-Diskussion sei Teil der „kulturellen und psychologischen Wiedervereinigung“ – und doch sehr viel komplexer als das rein politische oder demografische Zusammenkommen, so Nash. Jüngstvergangenes werde aktuell, sobald man versuche die Gegenwart zu begreifen. Aha, denkt der Kinobesucher: Deshalb verkauft die Biennale das „queer cinema“ – und damit die „Gender“-Debatte – als „Aktualisierung“. Sie bietet also Verarbeitungshilfe. Was daran stört, ist der theoretische Überbau. Glücklicherweise bleiben die gezeigten Filme von solchem theoretischen Überbau unberührt, von „verdichteten Komponenten“ und sich zu „kommunikativen Räumen verschränkenden Diskursen“, wie es im Biennale-Jargon heißt. Man braucht sich nur Ottingers „Countdown“ anzusehen und die langsamen, langen Kamerafahrten: die Böschung am Rande des Kanals, das Gewusel und der Tausch von Geld am Bahnhof Zoo, der Abriss der Mauer. Die Filmemacherin inspiziert mit ethnografischem Blick ihre eigene Zeit, ähnlich wie der Zuschauer heute auf ihre Achtzigerjahre-Werke schaut: als wäre er etwas Fremdes.

www.berlinbiennale.de/filmprogramm

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