• Volker Braun im Gespräch: Fortsetzung: "Die Chinesische Lösung war im Kopf, aber nur als blutiger Witz"

Kultur : Volker Braun im Gespräch: Fortsetzung: "Die Chinesische Lösung war im Kopf, aber nur als blutiger Witz"

Die Polemik Erich Fromms gegen die biologische Det

Die Polemik Erich Fromms gegen die biologische Determiniertheit der "menschlichen Destruktivität" hat Recht - und hilft uns nicht aus unserer Haut. Es hat eine doppelte Bewandtnis damit, wie sich Leute verhalten. Aber selbst wenn der menschliche Organismus dazu neigen würde, die einfachste Option zu wählen - zuzuschlagen und egoistisch zu sein -, entbindet uns das nicht von der Aufgabe, elende Zustände umzuwerfen. Wo Menschen kriminelle Energien abverlangt werden, wo sie wenig Chancen haben, sich solidarisch zu benehmen, ist die Behauptung eines bösen oder guten Kerns eine ärmliche Konstruktion.

Mit der sich vieles entschuldigen lässt. In Ihrem Text "Die Leute von Hoywoy" erklären Sie die rechte Gewalt mit sozialen Ursachen: "Nun zeigten sie ihre Kraft, den Schwächeren, und erwiderten die Gewalt, die sie erfuhren auf einen Schlag."

"Kurzarbeit Null in Pumpe, Lauchhammer plattgemacht." Das kommt ihnen wie eine Naturkatastrophe vor, weil sie nicht fassen, von einem auf den anderen Tag andere Wesen zu sein.

Dahinter stecken aber nun gewiss keine Naturgewalten.

Eine Katastrophe ihrer Natur ... Erklären heißt nicht entschuldigen, und die Erklärung greift kurz. Das Naturwüchsige zeigt das archaische und vernunftlose Handeln, das sich eine Gesellschaft zumutet. Sonderinteressen, niedrige Zwecke, beschränkte Vorstellungen. Läuft so nicht das Wirtschaftsleben?

Da müssen Sie die Ökonomie der DDR aber auch einbeziehen.

Mit Freuden. Trotzdem war das mindere Niveau eine unfreiwillige Alternative zu dem ungeheuren Aufwand. In der DDR war Arbeitszeit auch Lebenszeit, umso schlimmer, dass die Arbeit keine wirkliche Alternative war, weder die Art der Tätigkeiten noch die Art der Produkte. Aber die Art der Beziehungen hatte utopische Züge. Deshalb ist es zum Beispiel für alleinstehende Frauen schwer, entlassen zu werden: Die Brigade war ein Halt. Wenn solche Strukturen zerfallen und Entsolidarisierung umgreift, sind das die verborgenen Weltuntergänge. Man darf den großen Strom von merkwürdigen Wirrsalen nicht unterschätzen, der das eigentliche Element der Leute ist.

Die DDR war relativ überschaubar, was moralische Entscheidungen angeht. Aber die Figuren Ihrer neuen Erzählungen bewegen sich auf unüberschaubarem Terrain. Sie müssen mit der von überallher anbrandenden Elendsflut fertig werden, mit albanischen Flüchtlingen und Favela-Bewohnern. Ist die moralische Vernunft da nicht überfordert?

Eine Handlungsanleitung zu geben, wie es die Klassik oder noch Brecht versucht, setzt eine Gewissheit voraus, die wir nicht haben. Worüber denn, über die Welt? "Die Welt ist überall anders", hieß es in Müllers "Auftrag". Nicht nur, dass die Ausgegrenzten in die Sphäre der Privilegierten wollen, ihre Welten schotten sich auch gegeneinander ab. Es geht nicht anders, als sie für unversöhnlich und zugleich unerträglich zu halten.

In Ihrer Erzählung "Was kommt" nennen Sie es, "unerbittlich das Ungewisse zeigen".

Bei Brecht hieß es - die Ausstellung zum Hundertsten der Weigel nahm es zum Motto - "Unerbittlich das Richtige zeigend". Die Korrektur geschah spontan, auf dem Papier, sie gilt aber für jede Sache: einen Strich ziehen so fest, dass er eine Möglichkeit darstellt, aber so dünn, dass er keine endgültige Lösung bietet.

Wer hätte gedacht, dass Sie sich mit dem postmodernen Denken eines Lyotard anfreunden würden, der vom Ende der "Großen Erzählungen" redet? Nur Nietzsche muss Ihnen noch fremder vorgekommen sein.

Es ist ja nur das Ende der großen Autoritäten. Nietzsche stand bei meinem Vater im Bücherschrank, auch Marx, auch Max Planck. Ich habe den "Zarathustra" als halbes Kind gelesen, und zwar als eine Dichtung von emphatischem Kleinmut. Mich faszinierte der Hass auf die bürgerlichen und klerikalen Bastionen und erschreckte der Hohn über die "Zukurzgekommenen", die Unterlegenen. Wenn Büchner am Anfang des 19. Jahrhunderts vom Leben des Geringsten spricht, ist das eine vorweggenommene Antwort auf diesen schnauzbärtigen Philosophen, dessen Übermensch nun die Gen-Industrie in Auftrag gibt.

Ist es, um Büchners Wort noch einmal zu gebrauchen, nicht fatal, dass der Einzelne im Jahrhundert der Globalisierung offenbar keine Handlungsmacht mehr besitzt? Früher stand die Verantwortlichkeit des Subjekts zumindest theoretisch nicht in Frage.

Früher hieß es: Im Mittelpunkt steht der Mensch, nicht der Einzelne. Wo nehmen wir jetzt den Witz her? Man muss die Verhältnisse ernst nehmen können, um seine Späße zu treiben. - Der Mensch ist keineswegs aus dem Mittelpunkt getreten. Wir leben in der gewohnten begreiflichen Welt. Fragen Sie nur die verschwindenden Arten, was der Mensch zu verantworten hat.

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