Kultur : Volker Hesse: "Wir brauchen die Offensive"

Volker Hesse

Das Interview führte Peter von Becker, der zukünftige Intendant des Maxim Gorki Theaters.

Volker Hesse, Sie sollen im Sommer 2001 Nachfolger von Bernd Wilms als Intendant des Berliner Maxim Gorki Theaters werden. Das wurde letzten Herbst mit dem damaligen Kultursenator Radunski ausgehandelt. Aber Ihr Vertrag ist noch nicht unterschrieben.

Nein. Der Vertrag ging vor zehn Tagen im Senat durch die Personalkommission. Aber Frau Thoben, die neue Kultursenatorin, will noch eine Klärung herbeiführen.

Es geht um eine der inzwischen umstrittenen "Bemühenszusagen", mit denen Radunski zuvor schon andere Intendanten getröstet oder in falscher Sicherheit gewiegt hatte.

Das betrifft bei den Theatern und Opernhäusern vor allem den Ausgleich von Tarifsteigerungen. Die Subventionen - beim Gorki Theater jährlich 17 Millionen - sind festgeschrieben, aber die Personalkosten steigen, und der Senat lässt im öffentlichen Dienst, zu dem Technik und Verwaltung gehören, bisher keine Kündigungen zu. Also bleibt immer weniger Geld für die künstlerische Produktion: den eigentlichen Zweck der Theater. Angesichts dieser Finanzierungslücke schon vor meinem Amtsantritt "bemüht" man sich um eine Lösung.

Wenn es für die Kultur nicht mehr Geld gibt, was kann Christa Thoben dann ausrichten?

Sie möchte gemeinsam mit der Innen- und Finanzverwaltung einen Weg finden, um meine Arbeit nicht von vornherein mit strukturellen Defiziten bei den Personalkosten zu belasten und den Neuanfang insoweit finanziell absichern.

Sie selbst befürworten Strukturreformen.

Ich möchte Stellenüberhänge beseitigen und ein schlankes, agiles Theater, sinnvollerweise in der Rechtsform einer GmbH. Allerdings kursieren in Berlin auch Pläne wie die Zusammenlegung sämtlicher Theaterwerkstätten zu einer zentralen, womöglich selbständigen Firma. Das hielte ich nicht für sinnvoll, weil dem Theater damit jede schnelle schöpferische Veränderung, jede Flexibilität erschwert wird. Ich kann während einer Inszenierung mit der Schreinerei, die zu einer hausfremden Zentrale gehört, beim Bühnenbild nur schwer auf neue Ergebnisse der Proben reagieren. Selbst ein relativ kleines Theater müßte dann wie eine Oper sehr langfristig und starr disponieren. Ohne unbedingt Kosten zu sparen.

Wie geht es nun weiter mit Ihrem Vertrag?

Mitte dieser Woche will mir Frau Thoben Bescheid geben, was sie im Senat ausrichten kann.

Sie müssen für Ihren Start im nächsten Jahr doch schon jetzt Verabredungen treffen und eigene Verträge schließen.

Die Zeit drängt. Wir haben mit den Vorbereitungen längst begonnen, denn ich möchte zum Beispiel mit Stefan Müller, meinem Ko-Direktor am Zürcher Neumarkt, der jetzt Regisseur und Dramaturg am Wiener Burgtheater ist, weiterarbeiten. Oder es gibt Absprachen mit der Regisseurin und Bühnenbildnerin Kazuko Watanabe, mit Katharina Thalbach, mit Autoren ...

Wie überhaupt wollen Sie das Gorki Theater künstlerisch und konzeptionell neu positionieren?

Ich habe meine Erfahrungen aus Zürich und werde das auf Berlin hin weiterentwickeln. Einmal ist das ein Autoren-Theater: Mit Urs Widmer, mit Thomas Hürlimann, der ja lange in Berlin gelebt hat, und mit Theresia Walser, die schon in Berlin ist, setze ich die Zusammenarbeit fort. Theresia Walser soll eine Hausautorin des neuen Gorki sein, und wir wollen den Kreis um andere Berliner Schriftsteller und Künstler erweitern.

In Zürich hatten Sie mit Stadt-Projekten Erfolg, die auf Recherchen in der örtlichen Sekten-Szene oder bei Topmanagern beruhten.

Unsere Besonderheit waren gleichsam stadt-ethnologische Streifzüge, um im Theater nicht nur Theatertheater zu machen, sondern auch die Realität einzubeziehen. Deshalb haben wir nicht einfach aus dem Verlagskatalog fertige Stücke bestellt, sondern Theaterabende mit Autoren und im Kontakt mit gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen Institutionen entwickelt. In Berlin, wo das Gorki nahe bei den Zentren der Politik und der Medien liegt, wollen wir auch sehr schnell auf Themen zu reagieren.

Autorentheater und mehr Zeitkritik haben auch Claus Peymann im Berliner Ensemble und Thomas Ostermeier an der Schaubühne versprochen.

Wenn es gut ist, kann es davon nicht genug geben. Unsere Chance ist der kleinere Betrieb, ähnlich wie in Zürich. Wir wollen eine urbane, wache, bewegliche Dramaturgie. Gegenüber den großen Dampfern wärenwir die schnell kreuzende Fregatte. Und mit der Erfahrung aus der Schweiz soll im Gorki auch etwas mehr "Süden" nach Berlin kommen, mehr Leichtigkeit, Heiterkeit, auch ein Sinn für die Erotik, die das Geheimnis der Begierde wahrt. Wir werden mit Regisseuren wie Michel-François Pesenti, der gerade am Deutschen Theater Tasso inszeniert hat, arbeiten, mit Künstlern aus Italien und Ex-Jugoslawien.

Das kulturpolitsche Umfeld in Berlin verspricht Ihnen augenblicklich nur wenig Leichtigkeit und Heiterkeit.

Umso mehr sollte mit solchen Ansätzen achtsam umgegangen werden. In der Gereiztheit und Verdrossenheit mancher Politiker gegenüber der Kultur liegt keine Zukunft. Theaterleute dürfen in Senatausschüssen nicht nur wie Schuldner oder Schuldige vorgeführt werden. Die Kulturpolitik müsste jetzt ein Signal setzen gegen so viel missgelaunte Verdrossenheit. Das gilt für Berlin wie für den Bund.

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