Volker Koepps „Dieses Jahr in Czernowitz“ : Auf der Suche nach dem verlorenen Ort

Forum: Volker Koepp kehrt in die Bukowina zurück – „Dieses Jahr in Czernowitz“

Kerstin Decker

Herr Zwilling und Frau Zuckermann gehören nun schon zur Berlinale-Geschichte. 1998 hatte Volker Koepp sie in Czernowitz, dieser alten Stadt im Osten gefunden. Zwei von der Zeit Vergessene, die ihr Leben lang dort geblieben sind. Wir liebten sie sofort. Ein Jahr später war Herr Zwilling gestorben, aber Frau Zuckermann kam zur Berlinale. Nun ist auch sie gestorben, Volker Koepp hat ihnen diesen neuen Czernowitz-Film gewidmet. Czernowitz-Film?

Er beginnt überall, in Berlin, in Wien, in New York. Lange wird Koepp nicht in der Geburtsstadt Celans ankommen, die mal österreichisch-ungarisch war, mal rumänisch, mal russisch, mal deutsch und die nun ukrainisch ist. Unrealistisch ist das nicht. Denn die, deren Wurzeln in dieser Stadt liegen, sind ja auch lange nicht hiergewesen – oder noch nie. Einen Berliner Cellisten und seine Frau, zwei Wiener Schwestern und einen rumänischen Schriftsteller hat Koepp gefunden, die alle eins gemeinsam haben: ihre jüdischen Eltern kamen aus Czernowitz.

Und noch ein nicht ganz unbekannter Beinahe-Transsylvanier wird am Ende durch das heutige Czernowitz laufen, obwohl seine Mutter aus einem anderen Ort der Bukowina stammt: Harvey Keitel. Ihm geht es genauso wie den Schwestern, dem Dichter und dem Musiker. Je älter man wird, desto mehr will man wissen, wo alles anfing. Für die meisten war Czernowitz schon kein geografischer Ort mehr, sondern ein seelischer. Ein paar Bilder mit deutschen Atelier- und Straßennamen auf der Rückseite. Das kann sehr suggestiv sein.

Als Kind habe sie unwillkürlich geglaubt, auch Czernowitz sei schwarz-weiß, sagt die Tochter des Cellisten. Eine verwunschene Stadt, über die sich ein schwerer Schatten legte. Fast die Hälfte der einst 150000 Einwohner war jüdisch; nur wenige überlebten die Deportationen 1941. Wir sehen wieder die typischen Koepp-Anfänge, die jedesmal „Dies ist eine gestellte Szene!“ zu rufen scheinen. Wissen wir doch. Alles eine Frage des Arrangements. Dazwischen die wunderbaren Totalen des Kameramanns Thomas Plenert. Aber das Kalkül geht auch diesmal auf.

Der Film webt die unterschiedlichen Schicksale zusammen, und wenn wir schon meinen, die Menschen gut zu kennen, laufen sie plötzlich alle durch Czernowitz. Auf der Suche nach den Häusern ihrer Eltern. Einen hat Koepp noch in der Stadt gefunden, der zu Herrn Zwilling und Frau Zuckermann gehört. Den Deutschen Johann Schlamp, 90 Jahre alt. Im Krieg hatte er keine Lust, nach Deutschland zu gehen, wartete lieber auf die Russen: sechs Jahre Sibirien, ohne Urteil, wahrscheinlich dafür, dass er ein Deutscher war.

Nächstes Jahr in Jerusalem? Koepp war diese alte jüdische Versicherung zu utopisch. Das geht auch schneller: Dieses Jahr in Czernowitz.

Heute 14 Uhr (Delphi), morgen 14.30 Uhr (Arsenal), Montag 17.30 Uhr (Cinemaxx 3), Mittwoch 19.30 Uhr (Babylon)

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