Volker Ludwig : „Gutes Theater ist immer links“

Kinder, Karriere, Kritik: Am Mittwoch wird Grips-Gründer Volker Ludwig 70. Ein Gespräch über jungen Mut - und alte Zeiten.

Rüdiger Schaper
Volker Ludwig
Dem Grips-Theater-Gründer Volker Ludwig zum 70.Foto: Thilo Rückeis

Volker Ludwig, wie macht man mit 70 Jahren noch Kinder- und Jugendtheater?

Das Alter spielt überhaupt keine Rolle. Es gibt 20-jährige Greise, die nicht mit Kindern umgehen können. Auch als Schauspieler muss man beim Kindertheater eine absolute Liebe zum Beruf haben und viel Erfahrung, man lernt das nicht auf der Schauspielschule. Kinder sind als Publikum nicht höflich, sie reagieren intensiv, und wer daran keine Freude hat, soll die Finger davon lassen.

Von Max Reinhardt stammt der Satz: Ein Schauspieler ist jemand, der seine Kindheit in die Tasche steckt. Was sagen Sie Ihren Schauspielern?

Ein Schauspieler darf Kinder nicht imitieren, er darf sich nicht verstellen und mit Babystimme sprechen oder mit X-Beinen herumstolpern. Kindern, die so etwas sehen, ist das furchtbar peinlich. Ein Beispiel dazu: Mein Kinderstück „Max und Milli“ wurde in dreißig Ländern nachgespielt, auch in Indien. Der kleine 6-jährige Max wurde von einem 1,80 Meter großen Schauspieler mit Schnurrbart gespielt, und kein Mensch kam auf die Idee, dass der Mann sich rasieren müsste. Unsere Schauspieler werden regelmäßig für viel jünger gehalten, als sie sind. In Jugendstücken kommt es vor, dass 30-jährige Mimen von den jugendlichen Zuschauern gefragt werden, in welche Schule sie gehen.

Sie sind ja nicht als Kinder- und Jugendtheaterautor auf die Welt gekommen, Sie haben in den sechziger Jahren als Texter für Kabarett und Unterhaltung angefangen. Da lag doch eigentlich das Boulevardtheater näher, das damals in West-Berlin in Blüte stand.

Das hätte ich mich damals nicht getraut. Mein Vater Eckart Hachfeld hat neben vielen anderen Dingen 25 Drehbücher geschrieben, aber leider auch nie Boulevardtheater. Später, als ich mir als Theaterautor beim Grips einen Namen gemacht hatte, war er ziemlich eifersüchtig.

Ursprünglich hießen Sie auch Eckart Hachfeld, wie Ihr Vater. Woher kommt der Name Volker Ludwig?

Ich habe schon als Schüler angefangen, Glossen und Kurzgeschichten zu schreiben, da gab es Konflikte von wegen Senior und Junior. Mit achtzehn veröffentlichte ich im „Kurier“ eine Kurzgeschichte, die nach einem Schulaufsatz entstanden war („Ich wurde im Jahr 2000 geboren“), und die Redakteurin schlug mir ein Pseudonym vor: Nehmen Sie zwei Vornamen, das ist das Uneitelste. Mein Vetter hieß Volker, und Ludwig kam, glaube ich, von Ludwigshafen, wo ich geboren wurde.

Und wenn Sie in Frankfurt oder Mannheim geboren worden wären?

Bis auf meine Geburt bin ich Thüringer, seit 1953 Berliner. Mein Freund, der wunderbare Schauspieler Rolf Ludwig selig vom Deutschen Theater, behauptete immer, ich hätte mich nach ihm benannt, warum nicht!

Es wird erzählt, dass Sie Anfang der sechziger Jahre in einem grünen Kabrio den Ku’damm rauf- und runterfuhren. Wie war das Leben vor dem Grips?

Ich hatte mein Studium, Germanistik und Kunstgeschichte, abgebrochen und von meinen Honoraren als freier Autor einen offenen Lancia gekauft. In der Unterhaltungsbranche hatte ich einen geradezu deprimierenden Erfolg, ich schämte mich für das Geld, genierte mich für meine Texte. Meine Mutter war eine überzeugte Protestantin, die immer wollte, dass ich beruflich etwas Anständiges mache. Ich schrieb für den Rias, für Hans Rosenthal, für Harald Juhnke und Werner Müllers „Schlagermagazin“. Fernsehen kam dazu, und immer wieder Kabarett.

Gab es bei Ihnen einen eindeutigen Moment der Politisierung?

Erst nach der Uni. 1961 bis 63 schrieb ich für „die bedienten“, die sich von Dieter Hallervorden getrennt hatten, der ihnen zu rechts war. Dann brachte mich Wolfgang Neuss zum „Bügelbrett“, 1964 versuchte ich es einmal bei Hallervordens „Wühlmäusen“, dem das Ensemble bald darauf abhaute, um mit mir das „Reichskabarett“ zu gründen. Unser erstes Programm 1965 hieß „Kein schöner Land“. 1966 hatten wir in der Ludwigkirchstraße unser eigenes Theater und machten „Bombenstimmung“ über den Vietnamkrieg, Regie führte Frank-Patrick Steckel. Die Zeitungen haben uns wegen „Moskauer Hetzpropaganda“ verrissen, nicht nur die Springer-Zeitungen, auch der Tagesspiegel. Zwei Jahre später wurden wir für ein viel radikaleres, brutaleres Programm – „Der Guerilla lässt grüßen“ – überall gefeiert. Die Stimmung hatte sich gedreht. Plötzlich waren die Menschen besser informiert über die politischen Zusammenhänge. Zu der Zeit habe ich meine marxistische Bildung nachgeholt, wir waren eng liiert mit dem Dutschke-Flügel des SDS und dem Republikanischen Club.

Dieter Hildebrandt macht mit 80 immer noch Kabarett. Warum haben Sie so früh damit aufgehört?

Wir fanden es sinnlos, immer nur für Gleichgesinnte zu spielen. Außerdem brach 1968 mit der sogenannten Schlacht am Tegeler Weg die APO in ihre Einzelteile auseinander. Als einige tönten: Wir haben bewiesen, dass die Polizei schlagbar ist, sind alle vernünftigen Leute ausgestiegen.

Aber warum dann ausgerechnet Kindertheater? Wollten Sie kommende Generationen politisch erziehen?

Wir hatten mit Kindertheater erst mal überhaupt nichts am Hut. Ein paar von unseren Schauspielern, die wegen des Vietnam-Programms aus dem Rias rausflogen, hatten schon 1966 damit angefangen, mit kleinbürgerlichen Stücken wie „Kasper und der Löwe Poldi“. Im Westen gab es, außer den Weihnachtsmärchen, überhaupt kein Kindertheater. Wir haben es auch überhaupt nicht ernst genommen. 1969 haute die inzwischen recht erfolgreiche Truppe an die „Tribüne“ ab, und wir haben gesagt: Machen wir unser Kindertheater eben selber. Mit meinem Bruder Rainer Hachfeld habe ich dann „Stokkerlok und Millipilli“ geschrieben, die Geburtsstunde des Grips-Theaters. Es ging um Verbotsschilder, putzsüchtige Mütter und zu wenig Spielplätze.

Ist gutes Kindertheater automatisch linkes Kindertheater?

Gutes Theater ist überhaupt immer linkes Theater. Was denn sonst!

Wie erklären Sie das heute Menschen, die von linken Geschichten nichts mehr wissen oder wissen wollen?

Kinder waren für uns damals eine unterdrückte Klasse. Wir nahmen für sie Partei. Heute haben wir das Problem, dass man sich gar nicht vorstellen kann, wie die gesellschaftlichen Verhältnisse der 60er Jahre wirklich waren. Da hat sich unendlich viel geändert. Und wir haben sicherlich ein wenig dazu beigetragen.

Es wird Ihnen vorgeworfen, dass Sie immer das Gleiche machen.

Die Probleme ändern sich, aber die Grips-Methode ist zeitlos: dass man Kindern zuhört, sie ernst nimmt. Zum Teil sind die Probleme von Kindern und Jugendlichen heute ja noch größer: Erfolgsdruck, Drogen, Konsumterror. Eines ändert sich nicht: Unser Publikum erwartet Stücke, die sich mit seiner Realität beschäftigen. Das Grips-Theater ist ein Mutmachtheater, wir zeigen zum Beispiel in der „Linie 1“ Überlebensstrategien in der Großstadt.

Muss ein Grips-Stück eine Botschaft haben?

Jede gute Geschichte hat eine Botschaft. Bei uns muss sie vor allem Spaß machen.Wenn man das Publikum nicht unterhält, darf man keinen Eintritt nehmen, dann soll man sich auf die Kanzel stellen. Mit dem Lachen geht das Erlebte ins Gehirn, wie Molière so schön sagte, mit den Tränen fließt es weg.

Wie schützen Sie sich nach bald vierzig Jahren Grips-Theater vor Verkalkung?

Man regt sich doch immer wieder neu auf. Im letzten Jahr erzählten unsere Theaterpädagogen horrende Geschichten über Abschiebungen von Kindern, die aus der Schule abgeholt werden von der Polizei. Darüber haben wir ein Stück gemacht, „Hier geblieben!“, Schulprojekte gestartet und mit dem Flüchtlingsrat ein Aktionsbündnis ins Leben gerufen.

Warum tauchen solche Themen kaum oder gar nicht an großen Theatern auf?

Als Linke sprachen wir mal von der verloren gegangenen Einheit von Denken, Fühlen und Handeln ... Auch wir haben Probleme mit Autoren, die denken, dass sie sich bei Kinder- und Jugendtheater künstlerisch „kastrieren“. Ein deutscher Dichter muss über sich selbst schreiben, er muss sich bedeutend fühlen.

Oft sind Sie verletzt von Kritik, von dem Vorwurf, das berühmte Grips sei keine „Kunst“, was immer man darunter verstehen mag. Sind Sie empfindlich?

Empfindlich bin ich, wenn unsere Leute nicht ihrem Wert entsprechend wahrgenommen werden, von wegen „Volker Ludwig und seine lustige Spielschar“, und das bei Heinz Hönig, Dieter Landuris oder Axel Prahl ... Diese fortwährende Ignoranz tut schon weh.

Bedrückt Sie manchmal der unwahrscheinliche Erfolg der „Linie 1“?

Das Stück wurde ein Jahr lang als Jugendstück ignoriert, was es nicht ist, dann haben es 130 deutsche Bühnen nachgespielt, und in Seoul sind bis jetzt 3400 Vorstellungen gelaufen. Und noch immer werden meine Stücke mit der „Linie 1“ verglichen. Das verfolgt mich seit 21 Jahren. Andererseits ist „Linie 1“ unsere Lebensversicherung.

Wolfgang Wagner ist in Bayreuth dabei, seine Nachfolge zu regeln. Haben Sie schon einen Nach-Volker für das Grips?

Irgendwann werde ich die künstlerische Leitung abgeben, dafür habe ich einige sehr gute Leute im Auge. Ich baue das in Ruhe auf, die Geschäftsführung kann ich ja auch noch als Wackelgreis weiter machen. Weil Sie Wagner erwähnen: Mein Sohn Caspar ist gerade erst 12 geworden.

Mag er das Grips-Theater?

Er liebt die Musik. Sein Idol ist George Kranz, unser Schlagzeuger.

Das Gespräch führte Rüdiger Schaper

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