Kultur : Volkes Stimmen

Enoch zu Guttenberg mit Bachs Matthäus-Passion.

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Beobachtet man Enoch zu Guttenberg dabei, wie er sein gewaltiges Ensemble unter Seufzern aufstachelt, wie er dessen Sogkraft von Wogen zu Wellen zu Brechern hochschlagen lässt, dann gibt es keinen Zweifel mehr: Passionszeit heißt, dass es passiert, jetzt. Der Baron ist ein Dramatiker von Gottes Gnaden, herausfordernd, streitbar. Über Jahrzehnte hinweg hat er sich eine Interpretenschar aufgebaut, die ihm ergeben zu Diensten ist, immer bereit, Geistiges emotional unentrinnbar aufzuführen. Bachs Matthäus-Passion bietet dafür reichlich Gelegenheit – und Guttenberg ist bestens präpariert. Neben seiner Chorgemeinschaft Neubeuern und dem Orchester der Klangverwaltung hat er eine Delegation des Tölzer Knabenchors mit in die Philharmonie gebracht.

Ihre durchdringend zarten Stimmen dürfen die ersten Strophen von „O Haupt voll Blut und Wunden“ intonieren, bevor der Hauptchor sanft dazutritt. Ein sicher gesetzter, ein wirkungsvoller Effekt, der in Guttenbergs Vorstellung von Volkstümlichkeit passt. Seine Chorgemeinschaft ist ein vollfleischiger Klangkörper, geformt aus sängerischer Unmittelbarkeit. Volkes Stimmen genießen des Dirigenten besondere Aufmerksamkeit, bei den „Barrabam!“-Rufen fegt es ihn beinahe vom Podium. Guttenbergs extrovertierter Weg zum Innerlichen, sein flehentliches Vordirigieren hilft nicht allen Solisten. Gerhild Rombergers souveräner Alt braucht das nicht, den ohnehin um Präsenz ringenden Sopran Siri Thornhills drängt es weiter in die Defensive. In befreiender Distanz bebt Benjamin Bruns’ heldenhafter Evangelist, bis die nächste Chorwelle aufbrandet: „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen.“ Ulrich Amling

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