Kultur : Volksaktie Gesundheit

Heute schon den Puls gefühlt? Über den Risikofaktor Mensch – in Zeiten von Kostenexplosion und Therapiemärkten

Ulrike Baureithel

Glaubt man Statistiken, dann werden die Deutschen immer gesünder. Weniger Arztbesuche, sinkender Pillenkonsum, kürzere Liegezeiten in den Krankenhäusern: Die gespenstische Erholung brachte 2004 allein den gesetzlichen Kassen vier Milliarden Euro Überschuss. Keine Erkältung, kein Kater, kein böser Zahn, der uns noch vom Arbeitsplatz fern hielte. Die Krankschreibungen sind rückläufig, und den „blauen Montag“ kennen die Jüngeren nur noch vom Hörensagen.

Natürlich geht diese Spontanheilung auf die Gesundheitsreform und, genau genommen, auf einen kranken Arbeitsmarkt zurück. Verblüffend ist aber, dass die Gesundheitsstatistiken und die „gefühlte Gesundheit“ weit auseinander driften und wir uns, wie Umfragen vermuten lassen, als weit weniger gesund empfinden als noch vor 30 Jahren. Das ist ein bisschen paradox, weil wir uns heutzutage viel ausgiebiger mit unserem Befinden beschäftigen und dafür – verglichen mit anderen Industriestaaten – ziemlich viele Mittel aufwenden; fast so viele übrigens wie die US-Amerikaner, die sich auch nicht besonders gesund fühlen.

Nun ist das Eigentümliche an Gesundheit, dass sie quasi nur negativ bestimmbar ist: als Abwesenheit von Schmerz. Gesundheit ist nicht messbar, sondern höchstens in Parameter zu fassen, die einen Normalbereich von der Abweichung abgrenzen, wobei – wie etwa beim Cholesterin – die Schwellen oft so niedrig sind, dass fast jeder als behandlungsbedürftig gelten kann. Was „gesund“ und was „krank“ ist, unterliegt außerdem der zeitgenössischen Wahrnehmung. Vor 200 Jahren hätte man eine Depression dem schwermütigen Charakter eines Menschen zugeschlagen, noch vor vier Jahrzehnten galt Alkoholismus als schlechte Angewohnheit. Heute wird jede neue Erscheinung mit einem Label versehen und heischt nach Therapie: Vom Burn-out und Tinnitus über Hyperaktivität bis zu Impotenz oder ungewollter Kinderlosigkeit. Manche Krankheiten werden, wie die britische Medizinexpertin Marcia Angell kritisiert, auch einfach nur „erfunden“, um sie pharmakologisch zu bedienen.

Unser modernes Krankheitsverständnis ist bestimmt vom Risiko. Potentiell immer gefährdet, sind wir geneigt, uns abzusichern: Materiell über teure, ihrerseits krisenanfällige Gesundheitskassen; medizinisch, indem wir die Angebote eines unüberschaubaren Gesundheitsmarktes wahrnehmen. Von der Vorsorge bis zur rehabilitativen Nachsorge suggeriert er, „Gesundheit“ ließe sich kaufen.

Frühzeitig werden wir trainiert, unseren Körper unter Verdacht zu stellen und argwöhnischer Beobachtung zu unterziehen. Eine Pigmentveränderung auf der Haut, eine Unebenheit in der Brust oder schlicht ein paar Jahre überm Soll – und wir laufen zum Arzt oder werden gar zur „Risikoschwangeren“ erklärt. Ein einmal aufgeschrecktes „Schläfer“-Gen – und es drohen Brustkrebs, Alzheimer oder Chorea Huntington. Gerade die Genetisierung der Medizin – die Entwicklung von Genmarkern und Tests, die mögliche Krankheiten aufspüren sollen – forciert die Rasterfahndung nicht nur am einzelnen Körper, sondern in der gesamten Population. Der Verdacht fällt erst einmal auf alle, bis der Kreis der Verdächtigen eingeschränkt werden kann, wie beispielsweise beim umstrittenen Brustkrebs-Screening. Deshalb gibt es seit einigen Jahren eine lebhafte Debatte darüber, ob wir wissen wollen und sollen, was wir wissen können. Das Recht auf Nichtwissen hat auch versicherungsrechtliche Relevanz, weil Privatversicherer schon heute bemüht sind, Risikopatienten auszuschließen.

Das Sicherheitsrisiko für den Körper tragen wir: Wir werden in „Produkthaftung“ genommen. Eine Schwangere, die öffentlich raucht oder trinkt, setzt sich der Missbilligung ihrer Umgebung aus. Ernährungs- und Bewegungsregeln übernehmen das Regiment im Alltag. Dicke, Kettenraucher und Extremsportler stehen am Pranger, seitdem die bayrische Gesundheitsministerin Christa Stewes vorschlug, diese „Risikogruppen“ mit einer Strafprämie abzuwatschen. Wobei sie vergisst, dass die Tabaksteuer mittlerweile das Mutterschaftsgeld finanziert und Raucher durch ihr „sozialverträgliches Frühableben“ nicht nur zur Kostendämpfung beitragen, sondern auch ihren Obolus zur Demografie leisten.

Das neue Körper- und Risikoverständnis deckt sich mit der Art, wie der Gesundheitsmarkt den Körper umwirbt, umsorgt und zurichtet. Die Mensch-Maschine soll reibungslos funktionieren und bei Bedarf repariert oder von der Schönheitschirurgie runderneuert werden. Auch der Psycho-Boom hat daran wenig verändert, im Gegenteil: Das Psycho-Designing folgt ähnlichen Vorstellungen. Auf diesem „Markt“ bewegt sich der Patient als „Kunde“, der Vorsorgen, Ärzte, Medikamente oder Therapien sichtet, auswählt und verwirft. Gesundheitskassen konkurrieren deshalb um „gute Risiken“, Ärzte um zahlungskräftige (Privat-)Patienten; Hausärzte treten ihren Patienten als „Disease Manager“ gegenüber, Krankenhausärzte als Erfüllungsgehilfen des klinikinternen Benchmarking und Pflegekräfte als Optimierer des Pflegealltags.

Den chronisch Kranken, Alten und Armen – also den „schlechten Risiken“ – droht Ausschluss. Schon heute gibt es rund 300000 Menschen, die überhaupt nicht mehr krankenversichert sind. Wer noch im System drin ist, weiß nicht, ob er das auf dem Markt Angebotene überhaupt noch bekommt. Die Lebenserwartung steigt, alte Menschen werden als Kostenfaktor diskriminiert. Zu Unrecht, denn Untersuchungen zeigen, dass ältere Menschen nicht signifikant kränker sind als jüngere. Lediglich die allerletzte Lebensphase – egal, ob der Patient jünger oder älter ist – schlägt finanziell zu Buche.

Die politisch Verantwortlichen sind aufgerufen, die Quadratur des Kreises zu lösen: Die Kosten zu kontrollieren und dennoch alle am medizinischen Fortschritt teilhaben zu lassen. Ob es wirklich eine Kostenexplosion im Gesundheitswesen gegeben hat, ist wissenschaftlich umstritten; sicher ist, dass Gesundheit teuer ist. Wer dabei den Standortfaktor – etwa die Rolle von Lohnnebenkosten – ins Feld führt, sollte sich vor Augen halten, dass die Volkswirtschaft nichts mehr braucht als gesunde Menschen, die nicht schon krank werden, wenn sie ihren „Risikofaktor“ überdenken. Es ist deshalb sinnvoll, dass alle in die „Volksaktie Gesundheit“ investieren. Mit der Bürgerversicherung werden wir zwar nicht gesünder, doch sie stiftet einen neuen sozialpolitischen Konsens, der die Leute ruhiger schlafen lässt. Und Schlaf ist gesund.

Hiermit endet unsere Serie zu Grundsatzfragen der Wahl. Erschienen sind: Bildung (Peter von Becker, 7.8.), Sicherheit (Michael Rutschky, 12.8.), Umwelt (Harald Schumann, 20.8.), soziale Gerechtigkeit (Harald Martenstein, 26.8.), Arbeit (Matthias Greffrath, 30.8.) und Familie (Ursula März, 4.9.).

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