Volksbühne : Casting mit Castorf

Schauspiellegenden damals und heute: Alexandre Dumas' Boulevardeske "Kean“ in der Volksbühne.

Christine Wahl

In Alexandre Dumas’ rührselig-geschwätziger Künstler-Boulevardeske „Kean oder Genie und Leidenschaft“ klärt uns die Käsehändlerstochter Anna Damby epischer als nötig über die Bewältigung eines psychosomatischen Leidens auf. „Tiefe Melancholie“ habe einst ihren adretten Körper befallen, barmt Frau Damby, gepaart mit „bitterem Ekel vor dem Leben“. Und wie im gesammelten Weltmärchenschatz von den Brüdern Grimm bis zu Tausendundeiner Nacht konnte natürlich kein herbeizitierter Arzt dem anämischen Kinde helfen. Eines Tages, als alles schon egal war, verfiel ein offenbar besonders abseitiger Mensch auf die Idee, die Käseerbin ins Theater zu schleppen. Und siehe da: Ein „Romeo“, ein „Othello“, ein „Hamlet“ – und schon sprang das Girlie wieder allmorgendlich gepowert aus seinem Himmelbett und ward auf ewig geheilt!

Beim Lesen der groschenromanaffinen Story befiel einen tiefes Mitleid mit dem abseitigen Heilungskünstler. In welche therapeutische Institution, fragte man sich angesichts der derzeitigen Berliner Theaterverfassung, hätte er seine Klientin heutzutage nötigen können? So belang- und schwunglos, wie die Berliner Spielzeit fast überall begonnen hat, hätte man ja eher mit einer dramatischen Zuspitzung der Erschlaffungssymptome rechnen müssen. Insbesondere, so dachte man weiter, in der schwer dauerkriselnden Volksbühne.

Doch siehe da: Verglichen mit den letzten Castorf-Inszenierungen wirkt „Kean“ dann überraschenderweise recht frisch; als hätte man der Volksbühne eine Vitalitätsdroge gespritzt! Zwar bei weitem nicht uneingeschränkt und schon gar nicht durchgängig, aber immerhin über geschätzte fünfzig Prozent des knapp fünfstündigen (!) Abends – und eigentlich fast immer, wenn Alexander Scheer auf der Bühne ist.

Scheer spielt Kean, den ruhmreichsten und versoffensten Shakespeare-Darsteller Englands um 1800, mit Ponyfrisur und weißer Baumwollunterhose unterm aparten Cordröckchen. Und er spielt ihn toll; nicht nur wegen der zweckfrei-amüsanten Rockstar-Parodien zu Steve Binettis Sound und der physischen Komplettverausgabung auf Hartmut Meyers grüner Plastikrasen-Fläche, die hinten in einer Schräge zur akrobatischen Ertüchtigung ausläuft. Sondern auch wegen dieser Melancholie-Einbrüche, die man der Volksbühne irgendwie gar nicht (mehr) zugetraut hatte.

Erwartungsgemäß nimmt Castorf Kean als Sprungbrett zur Superstar-Exegese bis in heutige Castingshowpeinlichkeiten – mit diversen Randexkursen in Ökonomie, Selbstreferenzialität, Revoluzzerromantik und allem, was der alte, abgerockte Mime sonst noch so hergibt. Schließlich attestiert die Theatergeschichtsschreibung dem Sohn einer Straßenstricherin und eines mittellosen suizidalen Vaters diesbezüglich eine ganze Menge. Hoher Frauen- und Drogenkonsum, ein weithin identifikationstauglicher Hang zu „abgerissener Darstellungsweise“, ein bilderbuchmäßiges Underdog-Syndrom sowie immense Schwierigkeiten mit der Trennung zwischen Bühne und Kantine sowie allen weiteren natürlichen Lebensräumen. Auch wissen die Bücher zu berichten, dass Kean als Othello brilliert, den Hamlet jedoch ziemlich vergeigt haben soll.

Nun kann man dem Abend tatsächlich einiges vorwerfen. Von Hamletvergeigung allerdings kann bei Castorf keine Rede sein. Er sampelt den Dumas-Text nämlich nicht nur mit eher kruden Lothar-Trolle-Einsprengseln über die Zusammenhänge zwischen darstellender Kunst, Kinderarbeit, industrieller Revolution und realkapitalistischen Gesetzmäßigkeiten, sondern vor allem mit Heiner Müllers „Hamletmaschine“. Und die wird an diesem Abend zwar gern komplett sinnfrei, aber genauso lustvoll und mitsamt dem Dichter zerlegt. Wenn vier miniberockte Jungschauspielerinnen mit zu Schleiern zweckentfremdeten Gelegenheitsgardinen über dem Kopf Herrn Kean ihren Berufswunsch offenbaren („Schauspielerin!!!“) und sich anschließend mit Heulbojen-Pathos über den Müllerschen Ophelia-Part hermachen, ist die Selbstironie tatsächlich schwer zu toppen. Mit Scheers Kean jedenfalls, der daraufhin minutenlang in einem Schreikrampf die Bühnenschräge hoch und runter rennt, kann man sich da hundertzwanzigprozentig identifizieren. Von ähnlich zweckfreier Unterhaltsamkeit ist es auch, wenn Part IV der „Hamletmaschine“ – „Pest in Buda Schlacht um Grönland“ – mittels kollektiven Gedränges in einer dixiklogroßen Behausung exekutiert wird. Oder wenn zu vorgerückter Stunde ein fachkundiger Zuschauer – der Regisseur Ivan Stanev – dem bestens aufgelegten Schauspieler Michael Klobe aus dem Stegreif soufflierend über gewaltige Texthänger beim Hamletmaschinen-Finale hinweghilft und Jeanette Spassova sich in einer Kudamm-reifen Tür-auf-Tür-zu-Nummer vor ihrem Gatten (Axel Wandtke) im Kleiderschrank versteckt.

Allerdings muss man auf solche Höhepunkte lange warten, vor allem nach der Pause. Und anders als in den Volksbühnen-Hochzeiten wird man hier für den Leerlauf eben weniger mit so etwas wie Gedanken als vielmehr, bestenfalls, mit Amüsement entschädigt. Die Volksbühne ist an diesem Abend nicht direkt auferstanden wie Phönix aus der Asche. Aber ein gewisser Frischekick ist unübersehbar.

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