Volksbühne : Lästern über Schwestern

"Nach Moskau! Nach Moskau" – der Saisonauftakt in der Volksbühne hinterlässt gemischte Gefühle.

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Hohe Gefühle. Jeanette Spassova, Milan Peschel.
Hohe Gefühle. Jeanette Spassova, Milan Peschel.Foto: Bresadola/Drama

Die Nerven liegen blank im Hause Prosorow. „Oh Gott, sind Sie alt geworden!“, ruft Mascha dem Oberstleutnant Werschinin zur Begrüßung mit äußerst vitalem Entsetzen zu und muss sich vor Schreck erst mal auf der Terrassenbrüstung abstützen. Werschinin – auch kein Mann der kuscheligen Befindlichkeitsrhetorik – revanchiert sich mit Übergriffigkeitsslapstick und lässt gleichfalls keinen Zweifel daran, dass Tschechow durchaus zur Sitcom taugt. Erwartungsgemäß entdeckt Frank Castorf in seiner Drei-Schwestern-Variante „Nach Moskau! Nach Moskau!“ das Gegenmodell zur Einfühlungsrezeptionslinie von Konstantin Stanislawski bis Peter Stein: die böse Komödie, die Klamotte.

Und weil der Volksbühnenchef dafür einige seiner stilprägendsten Mitstreiter, die dem Haus in den letzten Jahren fast sämtlich den Rücken gekehrt hatten, zur temporären Rückkehr bewegen konnte, liegt diese gezielt brüllende Hysterie gut über dem jüngsten Volksbühnen-Durchschnitt. Ob Milan Peschel als Werschinin, Bernhard Schütz als Militärarzt Tschebutykin im Disput mit dem klemmigen Hausmann Andrej (Trystan Pütter) über Biomüsli und heimliche Casino-Besuche, ob Jeanette Spassovas Mascha am Rande des vielleicht energiegeladensten Nervenzusammenbruchs der Theatergeschichte, Sir Henry als Gymnasiallehreralbtraum oder Kathrin Angerer als großartige prollige Aufstiegsschlampe Natalja, die bei Castorf zur zentralen Figur wird. Man schaut diesem einst legendären Ensemble gern zu; manchmal paradoxerweise mit genau jener Wehmut, die Castorf dem Stückpersonal gerade so gezielt austreibt.

Über die Dringlichkeit, das Einfühlungstheater als fundamentales Tschechow-Missverständnis zu entlarven, kann man sich natürlich durchaus streiten. Diese Tür haben ja schon andere Regisseure eingerannt, jüngst etwa Stefan Pucher oder Dimiter Gotscheff mit seiner in Richtung Beckett akzentuierten Arbeit „Krankenzimmer Nr. 6“ am Deutschen Theater. In Moskau freilich, wo Castorfs Inszenierung im Mai das Internationale Tschechow-Festival eröffnete, bevor sie – nach Zwischenstopp bei den koproduzierenden Wiener Festwochen – jetzt in der Volksbühne landete, mag das eine andere Tragweite besitzen.

Glücklicherweise tritt dieses Spiel mit der Tradition im Laufe des vierstündigen Abends dann aber zugunsten der Castorfschen Idee in den Hintergrund, die „Drei Schwestern“ mit Tschechows Erzählung „Die Bauern“ zu verknüpfen, wobei die Sozialaufsteigerin Natalja als eine Art symbolisches Bindeglied fungiert. Dass dieser Verknüpfungsplan nahe liegt, macht ihn erst mal nicht weniger vielversprechend. Rechts auf Bert Neumanns adäquater Holzterrasse brüllt die lethargische Upper Class in Endlosschleife ihre Sehnsucht „nach Moskau“ heraus, während sich links in einer zugigen Holzhütte die unterste Unterschicht gegenseitig zur Vergewaltigung auf die Pritsche haut, einander mit einem herzhaften „Verrecke!“ begrüßt und zwischendurch immer mal wieder übergangslos – und unter Berufung auf Marx, Engels oder Stalin – die rote Fahne schwenkt. Was die Prekären dabei mit den Privilegierten teilen, ist die Sehnsuchtsformel „nach Moskau!“.

Leider wird man lange Zeit das Gefühl nicht los, dass die Übermalung eher Behauptung bleibt. Erst im gedankenschärferen – und auch spielerisch befreiteren - zweiten Teil, als sich die „Bauern“-Geschichte radikalisiert und eine Prekäre (Margarita Breitkreiz) mit ihrer minderjährigen Tochter Sascha (Maria Kwiatkowsky) tatsächlich vom Land in die Stadt zurückkehrt, werden die Überblendungen auch dramaturgisch einleuchtend. Während die Unterschicht feststellt, dass auch in Moskau die sicherste Überlebenschance in der Prostitution liegt und Sascha von ihrer Tante Empfehlungen zur Rocksaumkürzung entgegennimmt, schreitet Andrej, der Loser-Bruder der „Drei Schwestern“, mit dem Kinderwagen in den Bioladen aus. Dennoch: Jenen berauschenden diskursiven Überschuss, der sich in den großen Castorf-Arbeiten durch geniale Rollen- und Figurenüberblendungen wie von selbst herstellte, erreicht dieser Abend nicht.

Kurzum: Ein Saisonauftakt, der einen mit gemischten Gefühlen hinterlässt. Unbezweifelbar aber stand da endlich mal wieder ein hochklassiges Ensemble auf der Volksbühne, allen voran Kathrin Angerer als erfolgreich sich die Sozialleiter emporvögelnde Unterschichtsbraut, die so lange mit cholerischen Anfällen oder trampeligen Übergriffigkeiten Aufstiegshindernisse entsorgt, bis sie zum Schluss als selbst ernannte Zarin allein im dreischwesterlichen Edelmobiliar thront. Mit der unmissverständlichen Drohung: „Ich komme wieder!“

Wieder heute und am 24. 9. sowie am 1. und 2. Oktober

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