Volksbühne : Und ewig fliegen die Kohlköpfe

Doppelpremiere an der Volksbühne: Frank Castorf zitiert sich selbst, René Pollesch gibt den Zampano.

Patrick Wildermann

Immerhin, das Kalauern haben sie an der Volksbühne noch nicht verlernt. Sagt Castorf zu Frank: „Welchen Wein sollen wir für unsere Party bestellen?“ Darauf Frank zu Castorf: „Kommt drauf an: Wollen wir diese Saison feiern oder die letzte vergessen?“ Tusch und Prost! Der Witz stammt aus der „Pressedekonferenz“ zum Spielzeitauftakt, bei der allerdings kein schizophrener Intendant im Selbstgespräch zu erleben war, sondern das österreichische Performance-Duo Julius Deutschbauer und Gerhard Spring, das sich in Vertretung des leibhaftigen Volksbühnenchefs durch eine kabarettistische Präsentation des Programms blödelte. Böse Zungen behaupten schon länger, der Intendant arbeite bloß noch am eigenen Verschwinden. Dazu scheint die Tatsache zu passen, dass Castorf sich zu Beginn der Saison, die sich am Jubiläum der deutschen Einheit zu reiben verspricht, in den dritten Stock seines Theaters zurückgezogen hat, auf die kleinste Bühne, wo sein Stück „Hunde – Reichtum ist die Kotze des Glücks“ Premiere feierte.

Aber das Problem der Volksbühne ist nicht die Frage von Groß und Klein, auch nicht die Castorf-Präsenz. Sondern eines der sich stetig vergrößernden Kluft zwischen Innensicht und Außenwirkung. Krisengerede, Massenabwanderung der Schauspieler, Dramaturgenverschleiß und Kritikerhäme – das Haus am Rosa-Luxemburg-Platz hat bislang achselzuckend, wenn nicht zynisch darauf reagiert. Wie ein volkseigener Betrieb, der unbeirrt weiter produziert, was keine Abnehmer mehr findet.

Die Ausnahme: René Pollesch. Der noch immer verlässlichste und erfolgreichste Vertreter der VolksbühnenMarke verantwortet den Auftakt dieses Doppelpremieren-Abends. Sein Stück „Tal der fliegenden Messer“, Teil eins einer „Ruhrtrilogie“ und im Juni bereits in Mühlheim zu sehen, variiert zwar auch in der Berliner Fassung Lieblingsverweigerungen neoliberaler Befehle. Aber dem Vorwurf, nichts Neues zu bieten, kann Pollesch mit Recht entgegenhalten, dass sich an den kritisierten Verhältnissen ja auch nichts geändert habe.

Bühnenbildner Bert Neumann hat vor die Volksbühne ein Zirkuszelt nebst Wagenburg gestellt, das sich in den Pariser Nachtclub „Crazy Horse“ verwandelt und dessen Besitzer auf den Namen Cosmo Vitelli hört – ein Zitat aus John Cassavetes’ Film „Killing of a Chinese Bookie“. Im glühlampenumkränzten Strip-Ambiente räsoniert die diskursartistische Truppe (leider ohne Volker Spengler, der wegen eines Rippenbruchs passen musste) über das geheuchelte Interesse am Leben der anderen, über sentimentalen Sozialismus und prekäre Lohnarbeit, über Evolutionsirrtümer hinsichtlich biologischer Gemeinsamkeiten („Wir sind keine Gattung – das ist doch Darwin!“) und die Gemeinsamkeit der „Verhexten und Verarschten“, die eine materielle sei. Der Abend ist eine kurzweilig-witzige, gewohnt gedankenscharfe State-of-the-Art-Show im Reflektions-Varieté des großen Zampanos Pollesch.

Castorfs „Hunde – Reichtum ist die Kotze des Glücks“ lässt einen dagegen ratlos. Schon der Titel legt nahe, dass der Mann sein Theater bloß noch als Eimer für den eigenen Überdruss benutzt. Ganz so schlimm kommt es zwar nicht. Aber das gut einstündige Antiken-Projekt, das lose auf Sophokles’ Fragment „Die Spürhunde“ fußt und mit Texten von Epikur, De Sade, Nietzsche und anderen aufgehübscht ist, bringt auch nicht die Renaissance einstiger Glorie. Bei den „Kynikern“(kyon, griechisch für Hund), einer Outlaw-Bande, die Verzicht predigt und wie Diogenes das Leben in der Tonne dem Luxus vorzieht, mag Castorf sich als gelernter Antikapitalist gut aufgehoben fühlen. Aber der Brückenschlag zur Gegenwart gelingt nicht mit dieser Geschichte vom Diebstahl der Rinderherde des Apollon durch Halbbruder Hermes.

Vieles an der Inszenierung wirkt museal. Steve Binetti spielt Gitarre, gut und schön. Nadine Dubois, Mandy Rudski und Irina Kastrinidis zitieren als schnüffelndes, im Rindermist wühlendes Hundetrio die Hochzeit der Volksbühnen-Furien in Pelz und Straps und berlinern: „Dein Vermögen, det schmeißte ma janz schnell inne Ostsee“ – so weit, so witzig. Auch Jeanette Spassova (Hermes) und Silvia Rieger (als Nymphe Kyllene) haben schöne Solonummern. An den Schauspielern liegt es nicht, dass diese kurze Castorfsche Götterdämmerung so unverbindlich wirkt. Es fehlen die Feinde, die Zielscheiben der Attacke auf die Dekadenz. Einmal fliegen tatsächlich Kohlköpfe über die Bühne, man spricht von „blühenden Landschaften“.

Das wirft die Frage auf, die sich die Volksbühne, zunehmend orientierungslos, auch selbst immer öfter stellt: In welcher Zeit leben wir eigentlich?

„Tal der fliegenden Messer“: wieder am 17., 21., 27. September, 9., 21., 26. Oktober. „Hunde – Reichtum ist die Kotze des Glücks“: wieder am 27. September, 12., 20. und 24. Oktober .

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