Kultur : Volksempfänger

Musik zur Nazi-Zeit: eine Pariser Ausstellung

Bernhard Schulz

Hitler in Bayreuth – in dieser Konstellation verdichtet sich der Versuch des NS-Regimes, die Kultur in Deutschland umzugestalten, zum Symbolbild. „Das Dritte Reich und die Musik“ ist die Ausstellung des Pariser Musikmuseums überschrieben, die sich der musikalischen Politik und Praxis des „Führerstaates“ widmet (221, Avenue Jean-Jaurès, bis 9. Januar, Katalog 35 €). Der Titel greift notwendigerweise zu kurz; denn ohne die hier einbezogene Darstellung der Weimarer Republik erschließen sich die Ziele der NS-Kulturpolitik nicht.

Das reiche musikalische Erbe Deutschlands, das zugleich den ästhetischen Horizont des Bürgertums vor 1933 spiegelt, wurde gepflegt – vor allem aber instrumentalisiert. Beethoven und Bruckner und obendrauf Wagner – damit war das Programm der propagandistisch aufgezogenen Konzerte und des virtuos gehandhabten Rundfunks ausgemessen.

Heftig buhlten die NS-Oberen um zeitgenössische Vorzeigekünstler wie Richard Strauss, Werner Egk und Carl Orff. Komponisten der Moderne, zumal jüdischer Herkunft, wurden verfemt und verfolgt; die überkommenen Institutionen wurden „gleichgeschaltet“. Interessanterweise leistete sich das Regime in der Musik nicht denselben ästhetischen Offenbarungseid wie in Literatur oder Kunst. Hinzu kam der weite, augenscheinlich nur schwer zu kontrollierende Bereich der Unterhaltungsmusik. Swing mochte verpönt sein, „Tanzmusik“ erfüllte ebenso das Massenbedürfnis nach Unterhaltung – und war so verschieden nicht.

Die vorzügliche Pariser Ausstellung ist, dem Grundkonzept des im weitläufigen Komplex der Cité de la musique untergebrachten Museums entsprechend, keine bloße Dokumentar- oder auch nur Musikausstellung. Kurator Pascal Huynh, der in Berlin über Kurt Weill geforscht hat, weitet sie mit erstrangigen Leihgaben zu einem kulturhistorischen Panorama der Zwanziger- bis Vierzigerjahre, von Krolloper bis Durchhaltekonzert; bereichert durch Plakate, Gemälde, durch auratische Dokumente wie die Originalpartitur von Wagners „Meistersingern“ oder ergreifende Zeichnungen und Briefe im Kapitel „Musik und Widerstand“. Und eben durch Film- und Rundfunkmitschnitte, die die unablässig auf Propaganda gerichtete Kulturpolitik von Goebbels und seinen Satrapen verdeutlichen.

Über interaktive Kopfhörer kann der Besucher sowohl Ausschnitte aus Kompositionen und Konzerten hören als auch die enorm massensuggestive Wochenschau verfolgen, etwa von der Enthüllung der Bruckner-Büste in der Walhalla 1937 – oder aber die Klänge, mit denen 1944 die Berliner Philharmoniker unter Furtwängler die „Volksgenossen“ bei der AEG vom Krieg abzulenken suchten.

„Nun stürmen nach Osten die Heere/ins russische Land hinein!“, sangen die Soldaten an der Ostfront: „Führer befiehl, wir folgen dir!“ Die Musik – so die Ausstellung – folgte ihm nicht ganz so leicht. Sie ließ sich instrumentalisieren, gewiss; und es gab, wie überall, Mitläufer und -täter. Das diffuse Ziel einer „nationalsozialistischen Musik“ blieb trotz allem in weiter Ferne.

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