Kultur : Volksfreunde

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Kurt Scheel über den

zunehmenden Niveauverlust

Vor einigen Monaten war ich zu einer Diskussion über die Zukunft der Medien ins Willy-Brandt-Haus eingeladen: besorgte Journalisten, Schriftsteller, Filmemacher, Fernsehleute – die üblichen linksliberalen Verdächtigen. Eine Veranstaltung ohne Publikum, damit wir einmal offen untereinander reden könnten. Schnell zeichnete sich ab: Es sieht schlimm aus! Über die Presse: immer mehr Entertainment und Eventkulturmist, für lange, schwierige Texte gebe es kaum noch Platz. Ganz furchtbar aber sei es beim Fernsehen, wie die Fernsehleute eifrig bekannten. Und sichtbarlich litten sie darunter, auch im Öffentlich-Rechtlichen immer nur Häppchen servieren zu dürfen, nie in die Tiefe gehen zu können; und die paar anspruchsvollen Kultur- und Politiksendungen würden, wenn nicht gleich ganz abgeschafft, dann doch vom Quotendenken terrorisiert, zunehmend.

Das übliche, einvernehmliche Lamento. Bis dann ein äußerlich ganz unscheinbarer, vielleicht etwas vollschlanker Mann in den besten Jahren das Wort ergriff und sagte, dass das alles großer Unfug sei. Das deutsche Fernsehen sei eines der besten der Welt, und es sei noch nie so gut gewesen wie zurzeit. Selbst wenn man die Ansicht vertrete, dass ein großer Teil der Kommerzsender Schwachsinn verbreite, so habe es noch niemals so viele gut gemachte und, alles in allem, aufklärerische Politik- und Kultursendungen gegeben. Das sei ja auch unvermeidlich bei 34 frei empfangbaren Programmen. Selbst bei einer Relation von 90 Prozent Mist zu 10 Prozent Qualität komme man auf 340 Prozent Qualitätssendungen. Und was heiße im übrigen Schwachsinn? Des einen Musikantenstadl-Uhl sei des anderen Aspekte-Nachtigall. Das Gegreine über diese vielen, vielen Sender, die alle – alle? – das Gleiche brächten, erinnere fatal an die ostische Nach-Wende-Klage, man wisse bei den vielen, vielen Waschmitteln, in denen doch sowieso das Gleiche sei, gar nicht, welches man nehmen solle. Wenn man ihm, setzte unser Mann kampfeslustig nach, die Alternative Mangel- oder Überflusswirtschaft anbiete, wisse er, wofür er sich entscheide.

Ungläubiges Schweigen. Es gab sie also doch, die Verharmloser des kulturellen Niedergangs, die Leugner des Niveauverlusts. Dieser übergewichtige Revisionist wollte uns offensichtlich die Nivellierung des Fernsehens, die seit den gloriosen sechziger und siebziger Jahren stattgefunden hatte, schönreden. War es ihm denn gleich, wenn statt der Giganten Maegerlein, Rosenthal, Thoelke nun Figuren wie Jauch, Gottschalk, Christiansen und Jauch die attraktivsten Sendeplätze beherrschten? Hatte nicht der Virus des Quoten-Populismus mittlerweile sogar die ARD und „Das Wort zum Sonntag“ erreicht? Was war aus Oda-Gebbine HolzeStäblein geworden? Und Alexander Kluges „unverständliche“ (im Sinne Friedrich Schlegels) Sendungen: Waren sie denn mehr als ein Alibi, die kulturelle Badehose eines profitorientierten Kalküls von Privatsendern, denen es nur auf eins ankam? Profit, Profit, Profit! Sicher, es gab mehr gute Tierfilme als früher – blieb der allzu früh verstorbene Professor Grzimek nicht trotzdem in seinem spröden Charme unerreicht?

Doch statt solche bohrenden Fragen zu stellen, dauerte das ungläubige Schweigen an, ja verwandelte sich in ein entsetztes. Man hätte eine Steckrübe – Quatsch: Stecknadel fallen hören können, aber schon teufelte der entfesselte Querdenker weiter: Das Alles-geht-den-Bach-runter-Lamento stimme in der Sache nicht, sei muffigste Kulturkritik, und dünkelhaft obendrein. Denn es gehe wie selbstverständlich davon aus, dass der gemeine Fernsehzuschauer eine dumme Nuss sei, zu träge, aus dem reichhaltigen Angebot auszuwählen, was ihm fromme. Und auftrumpfend fuhr unser medienpolitischer Advocatus diaboli fort: „Schon mal was von Fernbedienung und Zappen gehört?“ Aber selbst wenn Kevin Normalgucker auswähle und nicht nur apathisch konsumiere, nütze ihm auch das nichts, denn dann sehe er prinzipiell das Falsche: Nämlich nicht Sendungen von arroganten Halbintellektuellen, die sich als „ami du peuple“ imaginierten, in Wirklichkeit aber das Volk, den großen Lümmel, hassten und fürchteten und für doof hielten. Und mit sich überschlagender Stimme: „Worüber ihr euch beklagt, das ist nicht das sinkende Niveau des Fernsehens, sondern dass ihr keine Druckmittel habt, den Leuten eure Präferenzen aufzuzwingen, ihr verhinderten Volkskommissare für Bildung und Kultur.“ So sprach dieser merkwürdige Mann. Ein Spinner, ein Scharlatan, ein Provokateur? Oder bloß ein verwirrter Idealist, der ursprünglich das Beste gewollt hatte? Bei Lichte besehen hatte er mir aus dem Herzen oder wenigstens aus der Mördergrube gesprochen. Aber eingeladen hat man mich nicht wieder.

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