Kultur : Volkskunst aus Japan: Wenn Wünsche in Erfüllung gehen

Michaela Nolte

Am dritten Tag des dritten Monats werden die "Flusspuppen" ausgesetzt; übers Jahr dienen "Nagashibina" dem Segen des Hauses, doch zum alljährlichen Mädchenfest werden die schwimmenden Papierfiguren festlich präsentiert, um Unheil und Krankheit ins Jenseits zu verweisen. Einfach gefaltete Miniaturen mit Styroporköpfen, aber auch große Schönheiten aus kostbarem Japanpapier versammelt nun eine Ausstellung im Ethnologischen Museum. Bis heute besänftigten Japaner mit Puppen und Tierfiguren, Amuletten und Votivtafeln die bösen Geister.

Die Nationalreligion Shintô - der Weg der Götter - kennt abertausend Gottheiten und ebenso viele Glücksbringer. Dreitausend Objekte, von der Edo-Zeit (17. - 19. Jahrhundert) bis ins moderne Japan bereichern als großzügige Schenkung seit 1999 die Berliner Ostasien-Sammlung. Ein Vierteljahrhundert hat das Hamburger Ehepaar Hannelore und Bernd Großmann in Japan gelebt und sämtliche Präfekturen bereist. Ihre Leidenschaft für die Volkskunst hat die 1999 verstorbene Sammlerin zu einer Kollektion ausgebaut, die nicht nur einen reizvollen Einblick in die Welt der Spielzeuge und Devotionalien gibt.

Exponate wie die Masken und figürlichen Darstellungen zum "Inari- und Fuchskult," der Reisgottheit und dem Reisbringer, verweisen auf die enge Verflechtung von Alltagskultur und Religion. Sagenfiguren und Götterdarstellungen gehören zum Inventar der Wohnhäuser, so wie Votivtafeln und Maskottchen als Opfergaben die Shintô-Schreine zieren. Begleitende Fotografien legen ein lebendiges Zeugnis von Herstellung und Gebrauch des "Kyôdo gangu" ab, eines ländlichen Geräts. Doch leidet die Ausstellung bisweilen unter der starren Vitrinen-Architektur, in deren Rahmen die sieben Glücksgötter und der Windgott Fûjin ebenso eingesperrt wirken wie die "Drei heiligen Pferde" des Kriegsgottes Hachiman oder die anmutigen "Kokeshi-Figuren" aus gedrechseltem Holz. Der populärste Talisman ist der "Daruma", ein Kopffüßler aus Holz oder Gips, der weder Arme noch Beine besitzt, aber mit dem roten Gewand auf seine priesterliche Herkunft verweist. Er repräsentiert den indischen Bodhidharma, der im 5. Jahrhundert die buddhistische Meditation über China nach Japan brachte. Die fehlenden Augen malt der Käufer selbst auf: das erste, wenn er den Daruma um einen Wunsch bittet, das zweite Auge, wenn dieser in Erfüllung gegangen ist.

Dem Wünschen dienen auch die Votivtafeln. Vorderseitig mit Motiven des Tierkreises oder aus dem buddhistischen und shintôistischen Pantheon bemalt, werden ihre Rückseiten mit Namen, Adresse und mit Bitten um Glück oder Erfolg versehen. Wegen des großen Umfangs wird ein zweiter Teil der Sammlung Großmann, der unter anderem einen Straßenzug aus dem alten Tokio nachstellt, ab September gezeigt. Ihm wenigstens sei eine vitalere, spielerische Präsentation gewünscht.

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