Kultur : Voll normal

SILVIA HALLENSLEBEN

Zu den Vorurteilen, die auch aus mehrjährigem Kritikertum eher gefestigt denn korrigiert herausgegangen sind, gehört ein tiefes Mißtrauen gegenüber Filmen, die Frauen und Wasser miteinander in Beziehung setzen."Nach der Eiszeit" beginnt mit Wellen am Strand.Aber darf man da meckern? Nach der Eiszeit natürlich darf, ja muß es geradezu fließen.Nun behandelt "Nach der Eiszeit" nicht Endmoränen-Formationen, sondern das Leben von lesbischen Frauen in Mecklenburg-Vorpommern.Hier und jetzt.Die Eiszeit ist von Regisseur Trevor Peters eher als Metapher gedacht, betreffend die vergletscherten Verhältnisse, denen lesbisches Leben in der noch existierenden DDR unterworfen war.Eine poetische Metapher.Jetzt aber taut das Eis.Und die Frauen fangen an zu reden.

Fünf Frauen stellt dieser Film vor, allesamt zwischen Mitte zwanzig und Anfang vierzig.Die Wellen plätschern an die Ostseeküste.Die Lesben erzählen.Von Lebensleid und Liebesglück, Coming-Out-Streß und dem ersten Disco-Besuch, Träumen und Altersängsten.Menschliche, sympathische Geschichten.Schließlich sind auch Lesben in Mecklenburg-Vorpommern ziemlich stinknormale Frauen.Daran sind nicht die Frauen schuld, die vermutlich wie andere stinknormale Menschen hinter ihrer banalen Alltagsfassade aufregende Abgründe bergen.Doch den Interviewern gelingt es nicht, etwas rauszukitzeln, das auch nur minimal über Selbstverständliches hinausgeht.Und nicht einmal darüber, was lesbisches Leben in der DDR konkret bedeutete, erfährt man Substantielles."Nach der Eiszeit" beschließt eine Filmtrilogie, die der geborene Neuseeländer Trevor Peters seiner Wahlheimat Mecklenburg-Vorpommern gewidmet hat.Vielleicht ist dieser Film bei uns einfach nur am falschen Platz.

Hackesche Höfe, Xenon (UT für Gehörlose)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben