Kultur : Volle Punktzahl

Joscha Schaback

NEUE MUSIK

Die Finnen wollen Resteuropa offenbar nicht nur zeigen, was ein gesundes Bruttosozialprodukt und ein wirksames Bildungssystem ist. Beim Konzert der Reihe „Musik der Gegenwart“ im Großen Sendesaal des SFB mit dem Deutschen-Symphonie-Orchester Berlin demonstrieren drei finnische Komponisten, dass ihr Land auch in Sachen moderner Musik vorne liegen will: Kaija Saariahos „Nymphhéa Reflections“ für Streichorchester bezaubert durch eine bizarre Klanglichkeit des Streicherapparats. Die Komponistin experimentiert so trickreich mit Flageoletts, Ponticello-Spiel und Tremmolo, dass sich nicht selten ein elektronischer Klangeindruck ergibt. Esa-Pekka Salonen hat mit „Mania“ ein Cellokonzert geschrieben, das mit dem Solisten Wolfgang Emanuel Schmidt den zentralen Gedanken des Komponisten optimal einlöst: „Es liegt eine seltsame Idee von Schönheit in der Idee, dass ein Instrumentalist extrem schwierige Dinge tut, um andere Menschen zu unterhalten.“ Die beeindruckende Komposition war in deutscher Erstaufführung zu erleben. Die Entdeckung des Abends ist aber zweifellos der erst 27-jährige Komponist Uljas Pulkkis, der mit „Enchanted Garden“ für großes Orchester und Solovioline eine Souveränität der Instrumentierung an den Tag legt, dass ältere Kollegen blass werden können. Ohne Scheu kontrastiert er dissonante, feine Cluster mit plötzlich hereinbrechenden Wohlklängen. Und indem er den virtuosen Jaakko Kuusisto mal auf die rechte, mal auf die linke Bühnenseite zum Dialog mit dem Orchester schickt, bekommt seine Musik eine unmittelbar szenische Dimension. Auch wenn das Deutsche-Symphonie-Orchester unter der konzentrierten Leitung von Fabrice Bollon die Solisten manchmal zudeckt, würde eine musikalische Pisa-Studie für den Abend volle Punktzahl geben. Das Licht kommt jetzt vom Norden.

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