Kultur : Volles Haus

-

Rüdiger schaper freut sich über

das Theaterpublikum

Heute gibt die Jury des Theatertreffens ihre Auswahl bekannt. Wir wollen den geschätzten und geplagten Kollegen und auch der allfälligen Debatte nicht vorgreifen, nur so viel: Es hat sich in den letzten ein, zwei Jahren etwas geändert. Es gibt, zumal an den Berliner Bühnen, einen neuen Trend – zum Bestseller.

„Nora“ an der Schaubühne: Thomas Ostermeiers Inszenierung ist seit hundert Vorstellungen ausverkauft. „Die Dreigroschenoper“ am Gorki Theater: ein einziges Kassendrama, das kleine Haus kann die Nachfrage nach der Regiearbeit der Brecht-Enkelin Johanna Schall nicht befriedigen. Bob Wilsons „Leonce und Lena“ am Berliner Ensemble: seit der Premiere letzten Mai ständig überfüllt. „Emilia Galotti“ am Deutschen Theater: seit dreieinhalb Jahren (hier ist das inflationäre Wort angebracht) eine Michael-Thalheimer-Kultveranstaltung!

Diese Erfolge haben einiges gemeinsam. Es sind Klassiker, mehr oder weniger ins Zeitgenössische gewendet. Es sind sogar allesamt – wenn man akzeptiert, dass der Norweger Ibsen einst hierzulande durchgesetzt wurde – Klassiker deutscher Provenienz. Und es sind auch, mit überschaubaren Risiken und Nebenwirkungen, erkennbare Klassiker. Das Publikum honoriert diese Gesundheitsreform im Theater, während es sich von den Schlingensiefs gelangweilt abzuwenden scheint.

Nicht nur in der Hauptstadt, sondern auch in Theaterzentren wie München und Hamburg, in Wien ohnehin, ja selbst in Frankfurt lässt sich eine Konsolidierung beobachten. Das bringt manch Gutes. Die Zuschauerzahlen steigen, und der kulturpolitische Druck auf die Theater könnte damit abgefedert werden. Natürlich resultiert der Umschwung auch aus eben dieser ökonomischen Zwangslage. Da macht man Zugeständnisse. Das Beste an dem neobürgerlichen Trend aber ist: Die Trennschärfe wird größer, beim Publikum und bei den Künstlern. Es gibt nur eine Volksbühne und nur einen Castorf.

Das Theater ist vielleicht nicht toller, aber voller als sein Ruf.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben