Kultur : Vom Beat überrollt

Berlin Music Week: Die ersten Konzerte.

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Wenn es nicht gerade schneit, ist auf der Oberbaum- und der Warschauer Brücke das ganze Jahr Music Week. Auch am Mittwochabend hämmern, schrammeln und hupen alle paar Meter die Straßenmusiker. Einige von ihnen werden in den nächsten Stunden mehr Publikum finden als die Kollegin Marla Blumenblatt, die im nahegelegenen Astra als eine der Ersten beim neuen Festival First We Take Berlin auf die Bühne muss.

Nur etwa drei Dutzend Zuschauer haben sich in der größten Location des Festivals eingefunden, um die gebürtige Wienerin und Neu-Berlinerin zu hören. Sie macht es nicht besser, indem sie so tut als wäre der Laden rappelvoll und einfach ihre vorgefertigten Ansagen herunterrattert. Auch der Mix aus Fifties-Schlager, Chanson und Surfrock den sie und ihre vier Begleitmusiker spielen, wirkt gewollt und schematisch. Blumenblatt singt kieksend über Gartenpavillons und die Lichter von Berlin, und um Laszivität zu suggerieren, lüpft sie ihren Rock oder führt eine peinsame Wet-T-Shirt-Performance auf.

Besser und auch etwas voller wird es im Anschluss mit dem Kölner Duo Vimes, das noch einen Schlagzeuger mitgebracht hat. Azhar Syed und Julian Stetter spielen Elektopop, der mal an die Indie-Psychedeliker von Yeasayer erinnert und mal ins Technoide übergeht. Vor allem zum Finale, als Stetter die E-Gitarre weglegt und Syeds verhallter Gesang völlig in den Beatschichten untergeht, scheinen die beiden ganz bei sich zu sein.

Das zweitägige Festival in Friedrichshainer und Kreuzberger Clubs fasst die so genannten Showcases zusammen, die während der Popkomm und den ersten Music Weeks über den gesamten Zeitraum verteilt waren. Bekannte Reihen wie die French Connection sind hier ebenso integriert wie eine vom lokalen Karrera Klub organisierte Nacht.

Insgesamt sind es über 80 Konzerte an zehn Orten. Eigentlich ein Overkill, der selbst mit Shuttle Service und sportlicher Einstellung nicht zu bewältigen ist. Fraglich ist auch, ob sich die Bands – meist haben sie hierzulande noch Newcomerstatus – nicht gegenseitig das Publikum wegnehmen.

Fährt man gegen 22 Uhr zurück nach Kreuzberg, zerstreuen sich solche Zweifel erst einmal: In den Schwesterclubs Magnet und Comet herrscht großes Gedränge. Hier stehen Folk- und Indierock-Gruppen sowie fünf dänische Acts auf dem Programm. Zum Beispiel Kadie Elder aus Århus, die sich nach einem Westernfilm benannt haben und ambitionierten Dance-Pop spielen. Der schlanke Sänger Anders Rask trägt Glatze, Vollbart, schwarzes Sakko und ein bis oben zugeknöpftes weißes Hemd, was ihm alles sehr gut steht. Doch er gestikuliert beim Singen so theatralisch herum, dass man glaubt, er wolle von seinem nicht so rasend besonderen Gesang ablenken. Erst als er das Sakko ablegt und die Stücke etwas straighter werden, nimmt das Quartett langsam Fahrt auf.

Ein ebenfalls posenstarker, aber um einiges mitreißender Sänger steht wenig später auch im Lido auf der Bühne: Thomas Azier, in den Niederlanden geboren und seit fünf Jahren in Berlin ansässig, ist kurzfristig für das englische Trio London Grammar eingesprungen. Er lässt die Enttäuschung, die sich über diesen Ausfall breit macht, ziemlich schnell vergessen. Mit zwei Musikern an den Synthesizern und Drum-Pads spielt er eine Art-Dark- Wave-Electro-Pop mit hohen Achtziger-Anteilen. Man wünscht den schwarz gekleideten Männern eine Nebelmaschine für die minimalistischeren Songanfänge, die sie nach einer Weile gern mit Four-to-the-floor-Beat-Attacken überrollen. Der 25-jährige Azier, der ein bisschen aussieht, wie ein lichtscheuer Cousin von Bastian Schweinsteiger, wirft sich mit großer Leidenschaft in seine Texte. Da kann es auch schon mal sein, dass er wie bei „Angelene“ die Hookline absichtsvoll zerschreit. Doch am Ende des Sets hat Azier den halbvollen Club auf seiner Seite – fast alle tanzen. Nadine Lange

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