Kultur : Vom Bonbon zum Cartoon: Muhsin Omurcas "Tagebuch eines Skinheads in Istanbul"

Suzan Gülfirat

Im Brockhaus unter dem Buchstaben K kommt vor Knoblauch noch der Begriff "KnobiBonbonKabarett." So hieß das erste türkische Kabarett in der Bundesrepublik Deutschland, gegründet 1986 von Sinasi Dikmen und Muhsin Omurca in Ulm. Omurca hatte die Idee zu "Knobi-Bonbon", nachdem der Kabarettist Dieter Hildebrandt ihn 1984 entdeckte und mit auf Deutschland-Tournee nahm. In der Tat war Mitte der Achtziger Jahre die Aufführung von anspruchvoller politischer Satire durch türkische Künstler, die sich in der deutschen Kabarettszene etabilieren und sich lange Jahre erfolgreich behaupten konnten, ein Novum. Mit Programmen wie "Frisch integriert", "Putsch in Bonn" und "Der Beschneider von Ulm" brachten Dikmen und Omurca es schließlich bis zum Deutschen Kleinkunstpreis 1988.

Doch 1996 trennte sich Muhsin Omurca von seinem Partner und starte eine Solokarriere. Seitdem musste er - wie andere Künstler auch - die Erfahrung machen, dass dies nach unzähligen erfolgreichen Jahren mit einem Partner an seiner Seite nicht einfach ist. Und dass selbst bei vorhandener Begabung für das Metier ein lückenloser Anschluss an den vorherigen Erfolg nicht immer sofort klappt. Als er elf Jahre später sogar eine einstweilige Verfügung durchsetzte, um dem ehemaligen Mitstreiter Dikmen die Benutzung seiner Texte zu verbieten, hatte das bisher erfolgreichstes türkische Kabarett bereits 1500 Auftritte im In- und Ausland hinter sich.

Omurcas Alleingang drohte allerdings zunächst zu scheitern. Der heute 40-jährige verschwand trotz des Erfolges beinahe in der künstlerischen Bedeutungslosigkeit. "Ich stand ganz alleine da und hatte nichts vom Erfolg des Knobi-Bonbon geerbt", resümiert der Kabarettist im Nachhinein. Als er ein Jahr später mit seinem ersten Solo-Programm "Tagebuch eines Skinheads in Istanbul" vor Publikum trat, blieben die Säle zunächst fast leer. Skeptisch waren seine Fans gegenüber dem Ex-Knobi-Bonbon, der als langjähriger Karikaturist nun mit seinen Figuren auftrat. Omurca schlüpft in die Rollen seiner drei Figuren Skinhead Hansi, der zur "Umerziehung" per richterlichem Beschluss nach Istabul geschickt wird, weil er "ein ganzes Stadtviertel abgefackelt hat", Multikultifreak Dr. Botho Kraus und Simultandolmetscher Ali. "Mund-zu-Mund-Propaganda" habe schließlich für volle Häuser gesorgt, erzählt der Kabarettist erleichtert. Und auch der Deutsche Kabarett-Sonderpreis vom vergangenen Jahr bestätigt ihm in seiner Arbeit. Bevor er im nächsten Jahr sein neues Programm uraufführt, wird er zunächst mehrmals im Ausland auftreten. Darüber freut er sich, wenn ihn auch das Interesse aus Ländern wie Estland, Lettland, Norwegen und Island ein wenig erstaunt."Tagebuch eines Skinheads in Istanbul", bis 19. 9., täglich 20 Uhr im Ballhaus Naunynstrasse

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