Kultur : Vom Brot allein

Ein Theaterstück über Raissa Gorbatschowa

Elke Windisch

Bei der Uraufführung Ende Dezember war der Saal brechend voll. Auch die gestrige Premiere in Rupzowsk war seit Wochen ausverkauft. Die Kleinstadt in Südsibirien ist Zentrum eines Landkreises, zu dem auch das Dorf Vesselojarsk gehört. Dort kam vor 75 Jahren Raissa Titarenko zur Welt, die spätere Ehefrau von Michail Gorbatschow. Um sie geht es in dem Stück, das momentan im Stadttheater Saal und Kassen füllt. In Auftrag gegeben hat es Gorbatschow selbst, der auch zur Premiere aus Moskau anreiste.

Eigentlich sollte „Die Frau des Präsidenten“ ein Film werden. Warum das Vorhaben abgeblasen wurde, kann oder mag niemand erklären. Gerüchteweise ist sowohl von finanziellen Problemen die Rede als auch davon, dass Tschulpan Chamatowa, mit der Gorbatschow die Hauptrolle besetzt sehen wollte, nicht zur Verfügung stand. Autorin Alla Subowa machte daraufhin aus ihrem Drehbuch ein Theaterstück, das ursprünglich in Moskau aufgeführt und von Oleg Tabakow inszeniert werden sollte. Gorbatschow entschied sich jedoch für die Heimat seiner Frau und für eine Schauspielerin von dort: Alla Borodina. Sie ist im gleichen Alter wie Raissa Gorbatschowa zu Beginn der Perestroika und sieht ihr auch ohne Maske ziemlich ähnlich.

Vor allem von Raissas Monologen – zu Liebe, Freundschaft, Emanzipation – lebt das Stück. Denn für ihren Ehemann und andere Politiker gab es nicht einmal Nebenrollen. Auch die Ära Gorbatschow bleibt außen vor. Regisseur Stanislaw Spiwak wollte „mit Stereotypen aufräumen“ und zeigen, dass auch Politiker-Gattinnen „in erster Linie Menschen sind“. Auch Autorin Subowa sagt, sie habe den „Lebensbericht einer ganz normalen Frau“ zu Papier gebracht. Von der Schulbank bis zur Klinik im westfälischen Münster, wo Gorbatschowa im September 1999 an Blutkrebs starb. Nur ein paar Jahre jünger als diese, arbeitete Subowa während der Perestroika beim Jugendsender Junost, erlebte Raissa bei Pressekonferenzen und war sofort von ihr angetan.

Anders die Masse ihrer Hörer. Man verübelte ihr, dass sie sich mehrmals täglich umzog, schminkte und CartierOhrringe trug, während in Moskau lange Schlangen vor den Brotläden standen. Umso verwunderter war das Ehepaar Gorbatschow, dass die Russen Raissa tonnenweise Blumen und Briefe in die Klinik schickten. „Muss ich erst sterben, damit die Menschen mich lieben“, fragt sie in einer der letzten Szenen. Subowa hält sie für eine der besten.

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