Kultur : Vom Export der Demokratie

HELMUT TROTNOW

Das Leben wird bekanntlich nach vorne gelebt, aber erst im Rückblick verstanden.Nirgendwo ist dieser Tatbestand offenkundiger als in Deutschland: Die jüngste Debatte um das Holocaust-Denkmal und die historische Erinnerung an den 9.November hat deutlich gemacht, wie sehr bei uns die Vergangenheit in die Gegenwart hineinreicht.Allerdings vermittelte diese Debatte manchmal auch den Eindruck, als sei die Deutsche Geschichte 1945 zu Ende gegangen.Im nächsten Jahr feiern wir den 10.Jahrestag der Maueröffnung; ein Ereignis, dessen Bedeutung für die deutsche Geschichte gar nicht überschätzt werden kann.Ganz besonders gilt dies für die jüngeren Generationen, ganz gleich, ob sie ursprünglich auf westlicher oder östlicher Seite aufgewachsen sind.Ihr Lebensweg wurde durch den Zusammenbruch der kommunistischen Staatenwelt, durch das friedliche Ende des Kalten Krieges und schließlich durch die Deutsche Einheit fundamental geprägt.Die Umsetzung der Grundwerte von Freiheit und Demokratie in Ganz-Deutschland eröffnete die Möglichkeiten, von denen ihre Elterngeneration nicht einmal zu träumen wagte.Grund genug, sich mit Freude an dieses Ereignis zu erinnern, auch wenn das Datum mit einem anderen, leider wenig erfreulichen Geschehen in der deutschen Geschichte belegt ist.Es wäre fatal, würden wir die Bedeutung der Nachkriegsgeschichte unterschätzen.Die heute Heranwachsenden müssen diese Geschichte kennen, andernfalls würde ihnen unverständlich bleiben, warum die Deutsche Einheit ein so großes Geschenk der Geschichte gewesen ist und warum die Grundwerte von Freiheit und Demokratie kostbare Güter sind, deren Bewahrung notfalls auch den Höchsteinsatz an Kraft und Opfer erfordern.Selbst die Tatsache, daß sich Berlin heute wieder anschickt, die Funktionen der deutschen Hauptstadt wahrzunehmen, läßt sich nur mit dem Blick auf die jüngste Geschichte erklären.

Schnittstelle der Geschichte

Die Berlin-Geschichte bietet also viel Stoff zum Nachdenken, der für künftige Entscheidungen unserer Politik durchaus anregend sein könnte.Der Kalte Krieg ist zu Ende, doch die Grundwerte von Freiheit und Demokratie dürften auch in Zukunft herausgefordert oder sogar bedroht werden - innen- wie außenpolitisch.Unsere Verbündeten wie Nachbarn werden deutsche Reaktionen erwarten.

Berlin hat zahlreiche Einrichtungen, die sich intensiv mit der Deutschen Geschichte bis 1945 befassen.Beispielhaft erwähnt seien hier das Deutsche Historische Museum, die Topographie des Terrors oder die Gedenkstätte in der Wannseevilla.Für die Zeit danach sind bestenfalls zwei Orte zu nennen: das Alliierten Museum in Zehlendorf und das Deutsch-Russische Museum in Karlshorst.Zwar gibt es nun auch die Gedenkstätte zur Berliner Mauer, doch die dazugehörige Informations- und Dokumentationsstelle steht noch in den Sternen.Das Karlshorster Museum konzentriert sich darüber hinaus mit seinem historischen Kapitulationssaal zwangsläufig auf die Geschichte des Zweiten Weltkrieges in der Sowjetunion und Osteuropa.Bleibt also nur das Alliierten Museum, das in seiner Darstellung Aspekte der regionalen, nationalen und internationalen Geschichte zusammenführt.Im Mittelpunkt steht die Rolle der Westmächte beim Aufbau einer demokratischen Gesellschaft.Gemeinsame Träger sind neben der Bundesrepublik und dem Land Berlin die Länder der Westmächte USA, Großbritannien und Frankreich.Seit der feierlichen Eröffnung vor vier Monaten hat sich das junge Museum bereits zu einer attraktiven Anlaufstelle für deutsche und internationale Berlin-Besucher entwickelt.Die Statistik weist mehr als 45 000 Besucher aus.Besonders erfreulich ist der große Anteil junger Besucher.Die Schulen aus dem Großraum Berlin-Brandenburg nutzen den Museumsbesuch, um ihren Unterricht zu beleben.Die Neu-Berliner, die gleichsam als Vorhut des Regierungsumzuges in die Stadt kommen, wollen die jüngste Geschichte ihrer neuen Hauptstadt kennenlernen.Die internationalen Besucher, insbesondere aus den Ländern der Westmächte, freuen sich natürlich sehr über die Einrichtung, werden hier doch die Leistungen ihrer Landsleute in der schwierigen Zeit des Kalten Krieges gewürdigt und dies auch noch in ihren Muttersprachen Englisch und Französisch.Die Veteranen schließlich, die im Verlauf der fast fünfzigjährigen Präsenz der Alliierten in Berlin Dienst taten, haben dem Museum viele tausend Ausstellungsstücke vermacht - als Leihgaben oder Schenkungen.Voraussetzung dafür, daß die Geschichte der Westmächte und Berlin in der Zeit von 1945 bis 1994 anschaulich und lebendig erzählt werden kann.

Präsenz der Westmächte

Der Erfolg ist Verpflichtung.Die alte Bundesregierung hat den Stellenwert des Museums nicht abschließend festgelegt.Welche Rolle soll es künftig spielen, wie intensiv soll die Auseinandersetzung mit der jüngsten deutschen Geschichte erfolgen? Fragen, die jetzt von der neuen Regierung beantwortet werden müssen.Im heutigen Stadtbild erinnert fast nichts mehr an die Präsenz der Westmächte.Grund genug das Alliierten Museum so auszustatten, daß es die historische Erinnerung wachhalten kann.Wohlgemerkt, es geht nicht um Nostalgie sondern um politische Bildung.

Der Autor ist Leiter des Alliierten Museums

0 Kommentare

Neuester Kommentar