Kultur : Vom Feinsten

ISABEL HERZFELD

Daß Phantasie und Intelligenz sich nicht ausschließen müssen als einseitig begriffene Pole von Genialität und Akribie, das ist die genußreiche Lehre aus Pascal Devoyons Klavierabend im Schauspielhaus.Der Franzose spielt unbestechlich solide, klar und deutlich - doch wie vermag er mit diesem Pfund zu wuchern! Debussys "Suite Bergamasque" ist endlich einmal nicht als pedalvernebelte Klangalchimie zu hören, sondern zeichnerisch angelegt, voll plastischer, raumgreifender Gesten.Und voller Überraschungen: Der energische, großzügige Schwung des "Prélude" zerstäubt immer mehr, bis nach einem traumhaft zarten, auf billige Steigerungen verzichtenden "Clair de lune" das vorsichtig hingetupfe Gleichmaß des "Passepied" übrigbleibt - ganz im Sinne der von Debussy verehrten Clavecinisten.

"Unromantisch" gestaltet Devoyon auch "Prélude, Choral et Fugue" von César Franck; wo andere drauflos rauschen, setzt er das Pedal zur differenzierten strukturellen Abgrenzung ein, hält auch den großen Klang immer schlank, in welchem sich chromatische "Lamento"-Passagen umso sprechender abzeichnen und der Höhenflug der Fuge glaubwürdig bleibt.Französische Spielkultur vom Feinsten ist das, diszipliniert und durchgeistigt, geschmackvoll, aber deswegen noch lange nicht geschmäcklerisch.Zum inneren Höhepunkt wird Schuberts f-moll Impromptu, dessen in den berückendsten Piano-Nuancen atmende Terzdialoge immer wieder dramatische Zuspitzungen aus der Baßregion heraus erfahren.In der fis-moll-Sonate von Johann-Nepomuk Hummel zeigt Devoyon dann doch die Virtuosenpranke, die die Kreativität dieses horrend schwierigen Werkes zwischen "Sturm und Drang" und Chopin spannungsreich verdeutlichend.

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