Kultur : Vom Fleisch gefallen

Schwerelos: „Zombi“, das neue Album von Kante

Kai Müller

In der „taz“ erschien Anfang des Jahres ein interessanter Text über die Hamburger Band Kante. Da das Quintett um Sänger Peter Thiessen ein Neujahrskonzert gegeben hatte, sollte eigentlich eine Rezension erscheinen. Stattdessen notierte Jörg Sundermeier die Gespräche, die sich teils verkatert, teils überinspiriert vor den Saaltüren ergaben, während Kante drinnen spielte. Die Musik selbst war Hintergrundbrummen. Also: egal. Und einer sagt: „Ich kann diesen ganzen Diskursmüll nicht mehr hören, dieses Reden über Reden. Und dieses ganze ach so betonte Anspielen und Zitieren ...“ Ein anderer: „So einfach ist das nicht.“

Wenn Kante nun nach wieder einmal drei Jahren ein neues – ihr drittes – Album „Zombi“ herausbringen (Kitty-yo/Labels), dann wird die Musik vermutlich erneut nur ein Anlass sein, um angeregt darüber zu streiten, wie „wichtig“ diese Band ist. Wieviel Tiefe sie besitzt. Und ob man Zeilen wie „Wo die Flüsse singen/ (...) Will ich meine Zeit mit dir verbringen“ noch ernst nehmen kann. So hoch scheint die Diskurskultur des Pop nicht mehr hinaus zu wollen. Oder ist die Geduld verbraucht? Ist Reden nicht mehr angesagt? Klarheit erwünscht. Es soll rocken. Ironisch abgeschwächt zwar, man ist ja nicht ungebildet. Aber eben nicht mehr metaphernreich verrätselt. Auch Akademiker wollen in schlechten Zeiten nicht hingehalten werden, schon gar nicht von Musikern, die ständig Skrupel plagen. Und es geht ja: Die Sterne haben zuletzt ein Agitprop-Album gemacht, das bemerkenswert deutlich den Frust der machtlosen mittleren Generation formuliert.

Im Reigen von Blumfeld, Tocotronic und anderen Hamburger Fährtenlegern sind Kante das ambitionierteste Projekt in Sachen Postrock. Also: beseelt von dem paradoxen Bemühen, Rockmusik mit den Mitteln des Rock zu retten. Ihre weitschweifigen Klangexkursionen, die von Sonic Youth, Talk Talk, Robert Wyatt, John Coltrane und Blumfeld beeinflusst sind und bis zu zehn Minuten dauern, bringen Erfahrungen denn auch nicht auf den Punkt – was Rock’n’Roll am besten könnte. Sie zerfasern Alltagsempfindungen, zerfleddern sie, rupfen sie auseinander wie eine Altkleidersammlung. Sie suchen in dem Gewirr all dessen, was Wirklichkeit zu sein vorgibt und doch nur eine überschätzte Empfindung sein könnte, nach Wahrhaftigkeit. Dieses Wahre liegt im „Zwielicht“ (1997) oder „Zwischen den Orten“ (2001), wie die Vorgängerplatten hießen. Man fühlt sich nebulös umstellt, bedrängt von dem Banalen der sekundären Welt und setzt dem die poetische Überhöhung entgegen. Es ist dann oft von letzten Dingen die Rede.

Jetzt haben Thiessen & Co auch noch das Außenseitertum entdeckt, das sie – ganz unironisch – idealtypisch aufladen. „Wir sehn unmöglich aus/ Wir sind der Zeit voraus“, heißt es in dem betörend-dynamischen Titelsong, „Wir sind die wunde Stelle mitten unter euch.“ Gemeint ist der „Zombi“, ein Geisterwrack und Ruinenwesen, durch das sich eine „neue Zeit“ ankündigt. Mit Horrorfantasien hat das wenig zu tun, mit einer Eloge auf den Penner gar nichts. Vielmehr geht es Thiessen um eine Lichtgestalt der Epochenwende, von der Fleisch und Haut als überflüssiges, abgenutztes Beiwerk abfallen. Eine Hoffnungsgeste, von Lebenserfahrung so wenig berührt wie das Pathos des Städters, der in Häusern nur „die Leichen verblassender Träume“ sieht.

Untermalt wird diese Privatmystik von einer versöhnlich-sanften Soundlandschaft (produziert von Tobias Levin), in die Bläsersätze hineinspielen, E-Gitarren ihre minimalistischen Reverenzen malen und die wunderbar anzuhören ist. Kante beharren auf dem Recht, in eine bessere Welt fliehen zu dürfen. Sie ist am schönsten, wo sie ganz Klang ist.

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