Kultur : Vom Glück des Flohmarkt-Fundes

Peter Herbstreuth

"Glauben Sie bloß nicht, Sie werden in dem Moment Künstler, wenn Sie zu Weihnachten eine Kamera geschenkt bekommen", spottete der amerikanische Fotograf Alfred Stieglitz vor hundert Jahren in einem populären Fotomagazin. Das gilt weiterhin, heißt aber nicht, dass die Scharen namenloser Fotografen keine wertsteigernden Einzelfotos machen könnten. Überprüfen lässt sich das derzeit in einer prachtvollen Ausstellung in der Galerie Kicken. Die Bilder stammen fast alle aus den Jahren von 1910 bis 1960, dem goldenen Zeitalter der Schwarz-Weiß-Fotografie, in dem das Medium zur legitimen Kunstform wurde. Zwar weiß niemand, ob es sich bei dem Konvolut um Aussortiertes, Verlorenes oder Verworfenes handelt. Manche Fotos verdanken sich erkennbarem Formwillen, manche glücklichem Zufall. Bei manchen hat der Fotograf sichtbar anderes gewollt und daneben geschossen, aber so richtig daneben, dass sie ungewollt einen Glückstreffer landeten.

Deshalb ist es nicht unwahrscheinlich, dass es sich bei der Auswahl um verkannten Ausschuss handelt, den gerade diejenigen, die schon alles kennen, schätzen mögen, weil sie in den B-Pictures die A-Klasse dechiffrieren. Man erkenne leicht, so die Historikerin Mia Fineman in einem Kommentar, die Eugène Atgets, Brassais, Cartier-Bressons, Rodschenkos, Man Rays, Robert Franks und Diane Arbuses wieder. Diesen Vorreitern schossen die hier versammelten Fotografen hinterher und hinterließen Bilder, deren Zusammenhang verloren ist. Nun haben sie die Anonymität von Flohmarktfunden, deren Wert von neuen Zusammenhängen abhängt.

Ein reines Kennerspiel träfe aber nicht den Kern. Zwar hält die Schau die Frage offen, ob die Avantgarde der Fotografie tatsächlich die Hobbyfotografen beeinflusste oder ob die Meister der Schwarz-Weiß-Fotografie eben durch die Auswahl des Galeristen wie Wasserzeichen durch die Bilder scheinen, als sollten nun die Fans der Großen im Top-Handel ein Nachspiel haben. Aber Kicken nennt die Schau "Meisterwerke". Es sind Einzelstücke ohne erfindlichen Entstehungszusammenhang. Sie bekommen durch den Überkünstler, der die Auswahl bearbeitet hat, eine ästhetische Chance in neuem Kontext. Gleichzeitig erinnern sie an die unbekannten Fotografen der Millionen Privatarchive.

Konfrontiert werden die Bilder bei Kicken mit Fotos einer Star-Fotografin: Yva, Lehrerin von Helmut Newton und in den 20er Jahren gefragte Modefotografin, hat mit manchen Bildern Fotogeschichte geschrieben. Zum Beispiel mit diesem: Eine junge Frau mit herzförmigem Gesicht spreizt zwei Finger über ihrem Auge und blickt direkt in die Kamera. Unklar bleibt, ob die Frau das Schnittzeichen einer Schere nachahmt oder einen militärischen Gruß karikiert. Vielleicht variiert sie auch das geöffnete Objektiv der Kamera, in das sie mit leicht erhobenem Kinn hineinschaut: ein Gegenblick, der in die 1930er Jahre passt, in denen das Foto entstand. Denn spätestens seit diesem Jahrzehnt traten zunehmend selbstbewusste Frauen in den Gesichtskreis der Medienwelt.

Die vieldeutige Geste hatte Folgen im öffentlichen Raum. In den 1980er Jahren wurde mit Spreizfingern für Schokoriegel geworben, um zu signalisieren, es gäbe zwei Riegel in einer Packung. Dann setzte die Kölner Photokina eine ähnliche Frau und Geste auf ein vielpubliziertes Plakat. Und seit den 1990er Jahren buhlen die Angestellten eines Fernsehsenders mit Spreizfingern über den Augenbrauen um Zuschauer. Da es keine Verabredung gibt, was die Geste "eigentlich" bedeutet, bleibt das Zeichen letztlich sinnfrei und das Bild ein Geheimnis über ein Geheimnis - wie die Fotografin Diane Arbus einen derart eindrücklichen Moment nannte: visuell attraktiv und in seiner Bedeutung nicht zu ergründen. Kein Wunder, dass Werbegrafiker auf solche Merkwürdigkeiten scharf sind. Das Rätselhafte sinnfreier, aber prägnanter Zeichen lässt sich leicht adaptieren, mit einer Botschaft besetzen und umwerten. Auch in diesem Sinne ist die Ausstellung bei Kicken ein Ideenparadies.

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