Kultur : Vom Guten, Wahren, Schönen

So jung und schon so nachdenklich: „Alphabetical“, das zweite Album der Band Phoenix

Heiko Zwirner

Die beiden verlassen ihr Hotel in Tokio, das ihnen Zuflucht und Gefängnis ist, und besuchen eine Party. Charlotte (Scarlett Johansson) und Bob (Bill Murray) tanzen mit ein paar aufgedrehten Japanern, und für ein paar Stunden hören sie auf, Fremde in Japan zu sein. Der Song, zu dem sie gerade noch getanzt haben, heißt „Too Young“. Sofia Coppola hörte ihn, als sie die Partysequenz ihrer oscarpreisgekrönten Komödie „Lost in Translation“ schrieb .

Kein Wunder, dass „Too Young“ bei der jungen Regisseurin einen so tiefen Eindruck hinterlassen hat. Das Stück ist eine Hymne an den jugendlichen Übermut, mit dem Wissen, dass auf den Rausch einer Sommernacht die Müdigkeit folgen muss. Er stammt aus der Feder von vier eng befreundeten Franzosen, die ihn vor vier Jahren auf „United“ veröffentlichten, dem ersten Album ihrer Band Phoenix. „United“ wurde in einem Pariser Keller eingespielt und gehört zusammen mit Coldplays „Parachutes“ zu den erstaunlichsten Pop-Debüts der letzten zehn Jahre. Es ist geprägt von Anleihen bei HipHop, Disco, Country, 80er-Jahre-Rock und abrupten Stimmungswechseln. Und es klingt, als hätten sich ein paar Gymnasiasten an der Hausbar ihrer Eltern bedient und die Plattensammlung ihrer älteren Geschwister durchstöbert.

Vor ein paar Tagen ist „Alphabetical“ erschienen, das zweite Phoenix-Album. Es klingt nicht mehr ganz so wild und ausgelassen, die unterschwellige Melancholie von „United“ manifestiert sich in nachdenklichen Texten, und die haben ihre Gründe. Phoenix wurden in Paris, Köln, New York, und Tokio bejubelt, sie posierten für britische Lifestyle-Magazine mit japanischen Reisegruppen vor dem Eiffelturm. „Es war, als würden all unsere Träume in Erfüllung gehen“, erinnert sich Thomas Mars, der singt und – das ist bei Phoenix so üblich – mal dieses und mal jenes Instrument spielt. Doch was passiert, wenn ein Traum wahr geworden ist? Auf einmal war da nichts als Leere. Nach einer Welttournee mit etwa 200 Konzerten kamen die vier Mittzwanziger zurück nach Paris, zurück in das Haus, in dem sie wohnten, zurück in den Keller, in dem sie „United“ eingespielt hatten. „Es war ein Schock“, sagt Mars. „Derselbe Raum, dieselbe Ausstattung. Auf einmal kam uns alles so eng vor.“

Sechs Monate lang arbeiteten sie Tag und Nacht, aber nichts Brauchbares kam dabei heraus: „Wir haben uns viel zu lange mit Sounds und Aufnahmetechniken beschäftigt, statt vernünftige Songs zu schreiben.“ Die Stagnation im Aufnahmeraum hatte Folgen: Erschöpfung. Allgemeines Unbehagen. Antriebsschwäche. Schlafstörungen. Ärzte entnahmen Blutproben und verschrieben Vitamintabletten, sie selbst verordneten sich eine Art Urschrei-Therapie.

Der Song „I’m An Actor“ handelt von einem Schauspieler, der dem Größenwahn verfällt. Sein Monolog wird von einem manischen Chor-Gesang begleitet. Hier schrieen sich Phoenix allen Frust aus dem Leib, und auf einmal lief alles wie von selbst. Wie dicht Verunsicherung und Klarheit beieinander liegen können, dokumentiert die Single-Auskopplung „Everything is Everything“. Die Verse sind düster: Die Dinge werden sich ändern, aber nicht zum Guten, und je mehr man von etwas spricht, desto weniger kann man es kontrollieren. „Der Song ist wie ein Karusell“, sagt Thomas Mars. „Bevor du aufspringst, fällt es dir schwer, dich zu orientieren. Doch wenn du erst mal drauf bist, ist es ein schönes Gefühl, mitgerissen zu werden.“

Noch bevor Phoenix ihre ersten eigenen Songs aufnahmen, waren sie die Begleitband von Air, mit denen sie die Sensibilität für zeitlose Popmusik, eine Vorliebe für opulente Hifi-Sounds und den Hang zum kaum versteckten Detail gemeinsam haben. Zum Teil arbeiten sie mit mehreren Dutzend Gesangspuren, und wer etwa den Song „You Can Blame It On Anybody“ aufmerksam hört, kann im Hintergrund auch Atemgeräusche vernehmen.

Genau wie Air gelingt es ihnen, komplexe Arrangements leicht und transparent klingen zu lassen. Doch ihre Songs sind nicht ätherisch, sondern frisch und funky. Während Air das Erbe von Claude Debussy angetreten haben, beziehen Phoenix sich auf T. Rex, Kool & The Gang und HipHop-Produktionen von Timbaland oder den Neptunes. Sie betreiben die Neuerfindung des Rhythm’n’Blues mit den Mitteln des Rock.

Phoenix: Alphabetical (Labels/EMI)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben