Kultur : Vom Knacken der Schellack-Platte

PERFORMANCE

Carsten Niemann

Sie sind der Inbegriff der Nostalgie: das Grammophon und der Phonograph. Doch was passiert, wenn man just diese Technik–Dinosaurier vor den Karren der Neuen Musik spannt? Die Recording Angels , sechs Sänger um den Klangkünstler Aleksander Kolkowski , machten es in der Berliner Staatsbank vor. Versuchsanordnung eins: Die berückend artikulierende Anna Clementi vertraut dem gigantischen Trichter zwei sanft atonale Shakespeare-Vertonungen an (herrlich die glockenhaft verstimmten Silben „ding-dong“); am anderen Ende steuern derweil zwei beflissene Helfer die Aufzeichnung auf eine Wachswalze. Das Ohr zärtlich an das Ungetüm geschmiegt, brüllt, ächzt und wimmert darauf Phil Minton eine beeindruckende Improvisation über unartikulierte Laute in den mechanischen Orkus. Am Ende des Konzerts werden beide im Duett zu diesen Aufzeichnungen singen, und das Publikum wird frappiert sein, in welch mystische Ferne die klangliche Patina ihre Stimmen rückt: das Zeitgefühl verwirrend, die Sphären von Dekonstruktion und Rekonstruktion willkürlich vermengend.

Dazwischen Versuchsanordnung zwei: In kurzen Klangetüden treten vier Sänger in Beziehung zu ihren von Schellack oder altem Knistertonband tönenden Stimmen. Auch erzählen sie von ihren Kindheitserfahrungen mit Musikaufnahmen und spielen so hinreissende Dokumente vor wie jene Rezitation der Schöpfungsgeschichte, in der die Kinderstimme Gottes mittels halber Bandgeschwindigkeit groteske Aura und Tiefe erhält. Dass am Ende der Performance eine Sängerin mit Rollerblades über zwar billige, aber dennoch echte Schellackplatten fuhr, wirkte brutal wie eine Bücherverbrennung. Wozu das Schlachtopfer? Ist Nostalgie wirklich so gefährlich?

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