Kultur : Vom musikalischen Mehrwert

Reicher, schlauer, kompetenter mit Mozart&Co.: Warum die Klassik immer stärker an ihrem Nutzen gemessen wird

Christine Lemke-Matwey

In der aktuellen „Du bist Deutschland“- Kampagne taucht, wen wundert’s, kein einziger Musiker auf. „Du“ magst Porsche oder Dürer sein oder ein Baum oder 82 Millionen Gesamtdeutsche – Beethoven, Wagner, Furtwängler bist „Du“ nicht. Die Erklärung hierfür ist einfach: Wenn die klassische Musik eine Tugend wäre, wenn sie einen gesellschaftlich relevanten, volksseelisch nicht antastbaren Wert darstellen würde, dann hätten wir alle miteinander frühzeitig gelernt, uns zu engagieren, uns zu identifizieren, uns hinzugeben und zu verausgaben. Das wissen Psychologen, Pädagogen und Soziologen nicht erst seit gestern.

Was sie auch wissen: Identifikation und Hingabe richten sich nicht in erster Linie ans „Ich“, sondern an einen Gegenstand, eine Sache, die, wie immer sie am Ende heißen soll, unsere ganze Aufmerksamkeit verdient, unsere ganze Leidenschaft. Wenn die Musik also eine Tugend wäre, dann blieben wir zwar aller Voraussicht nach von der Vogelgrippe ebenso wenig verschont wie die Finnen und schössen im WM-Jahr 2006 nicht unbedingt mehr Zaubertore als die Brasilianer – aber Kampagnen wie diese hätten wir kaum nötig.

Um die Musik in Deutschland scheint es also wieder einmal schlecht bestellt. Und auch das ist rasch erklärt: Je unwirtlicher die Zeiten, desto demütiger kannibalisieren wir uns selbst. Zuallererst Finanzen, Wirtschaft, Gesundheit, Rente, Sicherheit, Forschung, Bildung – und dann, zuallerletzt, die Kultur. Ein neuer Kulturstaatsminister respektive eine neue Kulturstaatsministerin steht erst jetzt, nach Ende der Koalitionsverhandlungen, in Aussicht. Und die Forderung der Arbeitsgruppe „Kultur und Medien“, die Kultur als Staatsziel im Grundgesetz zu verankern, verschwand gleich wieder in der Versenkung: Sang- und klanglos, ohne dass darüber auch nur im Ansatz diskutiert wurde. Für ein vitales Selbstbewusstsein der Kulturnation Deutschland spricht dies alles nicht.

Aber wer auch immer demnächst die Nachfolge von Christina Weiss antritt: Im Vergleich zu per se zeitfühligeren, populäreren Sparten wie Kino oder Literatur dürfte es die klassische Musik in ihrer inhaltlichen wie strukturellen Legitimation weiterhin schwer haben. Die immerselben alten Stücke, die elitären Rituale, der Stallgeruch eines versinkenden Bildungsbürgertums. Wer wittert ausgerechnet hier schon das 21. Jahrhundert?

Natürlich beneidet uns das Ausland um die funkelnde Vielfalt unserer Musiktheater- und Orchesterlandschaft. Und natürlich genießen wir diesen Neid auch, heimlich, still und leise. Einerseits. Andererseits sprechen die Fakten längst eine ziemlich brutale Sprache: Der Musikunterricht an den Schulen liegt flächendeckend darnieder, die Etats der Musikschulen schrumpfen seit Jahren ins Bodenlose, die Musikwissenschaft wird republikweit evaluiert, das Orchestersterben hat gerade erst begonnen, und das Bremer Theater steht keineswegs allein mit einem Bein in der Insolvenz.

Keine Macht der Musik, so müsste das staatliche Motto demnach lauten – und so lautet es natürlich nicht. Schließlich sind wir Deutschen keine Barbaren. Oder geben es zumindest – noch – nicht zu, was immerhin auf ein gewisses kulturelles Resttaktgefühl schließen lässt.

Die Einsicht aber ins Rasenmäherprinzip des Leidens, sie scheint in konjunkturell schwachen Perioden überproportional zu steigen. Auch die Kultur, auch die Musik, so Volkes imaginäre Stimme, müsse „bluten“ oder sich wenigstens neu beweisen. Daran ist zunächst nichts falsch oder ehrenrührig. Im Gegenteil. Schließlich sind Musiker – die ein Leben lang auf dem schmalen Grat und nicht immer erfolgreich zwischen Künstlertum und Beamtenschaft wandeln – auch nur Menschen. Schließlich kleben gerade die künstlerischen Kollektive, Chöre, Orchester, nur allzu gern allzu fest an ihren in goldenen Zeiten erworbenen Pfründen und Privilegien. Und schließlich gehört es zum Wesen der Kunst, sich beständig zu hinterfragen und hinterfragen zu lassen. Es gäbe also genug zu tun. Rechtzeitig zum ersten Deutschen Orchestertag vor drei Jahren prägte Christina Weiss hier das böse Wort von der „weltfremden Verwöhnlandschaft“ – und stach in ein Wespennest. Sonderlich diplomatisch mag das nicht gewesen sein, aber durchaus wirksam im Blick auf Ein-Euro-Jobs und Hartz IV.

Die Legitimationsdebatte freilich hat sich längst auf ein ganz anderes Feld verlegt. Früher, wie gesagt, schraubte man an den Rahmenbedingungen: Wie viel Musik wollen wir uns leisten? Darauf gab und gibt es Antworten, nicht selten entmutigende: Subventionen werden gekürzt, Privilegien gestrichen, zu Recht oder nicht, das Kind jedenfalls schüttet sich so vielerorts selbst mit dem Bade aus. Heute hingegen fragt man nach dem Zweck: Was nützt uns die klassische Musik? Wem genau nützt sie? Auch darauf gibt es Antworten. Vivaldi und Mozart beispielsweise mindern das Aggressionspotenzial, unter den Junkies am Hamburger Hauptbahnhof ebenso wie in der Modell-Hauptschule am Münchner Hasenbergl. Und plötzlich ist das Wort von der „sozialen Umwegrentabilität“ in aller Munde. Früher, in den fetten Jahren, galt die Regel: Eine Mark für die Kultur bedeutet 1,60 Mark und mehr für die Wirtschaft. Heute gilt: Ein Euro für die Kultur verhindert Ausschreitungen, fördert die Integration nicht nur von Migrantenkindern und befriedet so das gesamtgesellschaftliche Reizklima. Wie es aussieht, wenn der Staat sich hier aus der Verantwortung stiehlt und alle Bemühungen einstellt, seine desillusionierten Jugendlichen von der Straße zu holen, ist derzeit in Frankreich zu beobachten.

Klassische Musik hingegen, gezielt eingesetzt, macht, so wird neuerdings behauptet, messbar klug, stark und selbstbewusst. Gerade der jugendliche Klassikkonsument weiß sich besser zu wappnen: gegen die heraufziehende soziale Eiszeit, gegen die vielen, die in Zukunft – wiederum messbar – dümmer sein werden und schwächer und komplexbeladener als er. Ein Vademecum der Luxusklasse. Eine ganz neue, moralisch auf der todsicheren Seite siedelnde, weil paradoxerweise von unserem tradierten Kulturbegriff zehrende Form des Sozialdarwinismus, wenn man so will. Für alle weiteren Risiken und Nebenwirkungen aber konsultiere man bitte Psychologen, Pädagogen und Arbeitsvermittler. Oder Christoph Schlingensief, der schon immer gewusst hat, dass eine mit Wagner beschallte Salami anders schmeckt als eine Salami ganz ohne Wagner.

Education-Programme, Klassik-für- Kinder-Weekends, Jugend-Abos, Mitmach-Musik, Instrumenten-Schnupper- Kurse: Auf die Kommerzialisierung, die Popularisierung, die Eventualisierung der Klassischen Musik in den Neunziger Jahren folgt nun deren Pädagogisierung. Heute kuscheln Anna Netrebko und Rolando Villazon bei Thomas Gottschalk auf dem „Wetten dass?“-Sofa. Morgen werden Global Player mit roten Bäckchen davon erzählen, wie Johann Sebastian Bach einst ihr kleines Managerherz gewärmt und gestählt hat. Ein verlässliches musikalisches Qualitätsbewusstsein erzeugt weder das eine noch das andere. Und selbst das wäre zunächst nicht weiter schlimm. Denn warum sollen, wo Elternhäuser und Schulen versagen, nicht die Institutionen, die Opernhäuser und Orchester selbst in die Bresche springen? Und wer unter diesen würde einem Sponsor ernsthaft ins Wort fallen, der sich so dezidiert für „die Zukunft“ zu engagieren bereit ist?

Dies wäre, wie gesagt, durchaus in Ordnung, wenn hier nicht Grundlegendes verwechselt, ja vertauscht würde. Es klingt ein bisschen dämlich, aber: Orchester sollen Musik machen, im besten Falle sogar Kunst, und nicht Topfschlagen spielen. Der gemeine Musiker eignet sich nicht zum Lehrer Lämpel. Ausgebildet und bezahlt wird er dafür jedenfalls nicht. Bedeutet es nun Missbrauch, Ausbeutung, ja Anmaßung, wenn er es trotzdem tut? Die Debatte muss erst noch seriös geführt werden. Bis dahin lautet die Botschaft: Klassik ist gut, ja besser, sobald sie – siehe oben – „nützt“. Wo dieser Nachweis nicht erbracht werden kann, jedenfalls nicht unmittelbar, wo es also „nur“ der Kunst gilt, da interessiert sie nicht, den Mäzen noch viel weniger als den Staat. Schlimmer noch: Die Ambivalenz, die Offenheit ihrer Rezeption birgt ein Risiko, das mit privatem Geld kaum jemand einzugehen gewillt ist.

Ein Beispiel: Das Education-Programm der Berliner Philharmoniker wird von der Deutschen Bank mit Millionen-Beträgen unterstützt. Das ist schön. Prompt wurde auch der Film zum Projekt, „Rhythm is It!“, ein Hit: beim Kino-Publikum wie in den Führungsetagen der deutschen Wirtschaft. Die Message des Streifens ist knallharter Thatcherismus: Du kannst alles erreichen – wenn du nur willst. Einer wie Simon Rattle hat alles erreicht. Mit messianischem Eifer stanzt er Sätze (nicht nur) in die Berliner Luft, die von „Schönheit“ handeln und von „Saat ausbringen“ und die in ihrer britischen Idiomatik unschlagbar sind. Unschlagbar wasserdicht. Moralisch lupenrein. Wir haben das Geld und sind trotzdem die Guten, sagen diese Sätze. Wen schert es da, dass der Berliner Senat einen Steinwurf von den Dreharbeiten entfernt seinerzeit gerade die Berliner Symphoniker abwickelte – einen Klangkörper, der sich hautpsächlich über seine Arbeit in Berliner Schulen definierte. Das Ganze für 300000 Euro, wohlgemerkt.

Es mag sein, dass sich der Plattenbau in Marzahn mit Strawinsky im Ohr eine Spur heimeliger anfühlt. Und natürlich ist es schön, dass Olayinka, der nigerianische Vollwaise aus „Rhythm is It!“, durch seine Prominenz jüngst davor bewahrt wurde, in sein Heimatland abgeschoben zu werden. Um Kunst aber, um Musik, geht es bei all dem nicht. Die Kunst ist nur das Mittel. Und das ist das Problem. Wer sind wir, so fragt man sich, dass wir unser von Staats wegen schlechtes Kulturgewissen mit dem mutwilligen Werfen von pädagogischen Verbandspäckchen beruhigen? Und warum haben wir das Gefühl, uns für unsere Lust an der Musik immer öfter entschuldigen zu müssen?

Es ist schwer vorstellbar, dass ein Konzert keinen Wert an sich mehr darstellt. Es kann nicht angehen, dass ein Opernabend kein Glücksversprechen mehr bietet und keinen Gegenentwurf mehr wagt zu unseren versammelten realpolitischen Dumpfheiten. Anders gesagt und wenn ihr es denn eher schlicht mögt, lieber Staat, liebe Sponsoren, liebe Kampagnen-Erfinder, Kinder und Künstler: Fragt nicht, was die Musik für euch tun soll. Fragt endlich, was ihr für die Musik tun könnt.

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