Kultur : Vom Plakat zur Tat

Stunde der Pragmatiker: Klaus Staeck und Nele Hertling führen die Berliner Akademie der Künste

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Ein nasskalter Nachmittag. Familien mit Kleinkindern haben sich vor dem Regen ins Foyer-Café geflüchtet, und ab und zu kommt aus den hinteren Regionen des Akademiegebäudes eine Persönlichkeit des kulturellen Lebens hervor, meist ältere Herren. Ein Bild des Friedens, Sonnabend, gegen 17 Uhr am Hanseatenweg. Die Akademie hat einen neuen Präsidenten gewählt, den Grafiker Klaus Staeck aus Heidelberg. Unter den vielen Plakaten, die hier hängen, sticht nun eines ins Auge: „Nichts ist erledigt“, steht da in großen Lettern, was sich natürlich auf die aktuelle Staeck-Retrospektive in den Kunstsammlungen Chemnitz bezieht.

Die Wahlversammlung im alten Akademie-Domizil war mit 114 Mitgliedern verhältnismäßig gut besucht. Nach der Staeck-Kür wählen sie Nele Hertling zur Vizepräsidentin, und dann kommt doch noch Hektik auf. Die neue Führungsspitze muss jetzt umziehen zum Pariser Platz, im Behnisch-Neubau steigt die lange Brecht-Nacht, und zuvor stellen sich Staeck und Hertling noch der Presse. Die Erleichterung ist zu spüren. Dass alles glatt gegangen ist, nach jenen fünf Monaten, die wohl zu den schwierigsten der akademischen Neuzeit gehörten. Der knallige Rücktritt des Präsidenten Adolf Muschg im Dezember vergangenen Jahres hatte die altehrwürdige Institution ins Zwielicht gebracht. Selbst in den harten Phase der Ost-West-Vereinigung nach der Wende, als der Laden bedenklich wackelte, hatte niemand die Frage gestellt, wozu man eigentlich eine Akademie der Künste noch braucht.

Nichts ist erledigt? Etwas doch. Immerhin hat sich die Akademie auf ihrer Frühjahrsversammlung handlungsfähig gezeigt – und mit Hertling und Staeck zwei erfahrene und gut vernetzte kulturpolitische Menschen gewählt. Beider Namen standen zuletzt auf der Spekulationsliste auch recht weit oben, insofern: keine wirkliche Überraschung. Auch wenn Klaus Staeck in seinem ersten Statement erklärt, er habe sich nicht nach dem Amt gedrängt und sei nun doch ein wenig überrascht. Über das Wort „Krise“, sagt er, könne man sich streiten. Nun sei aber die „unruhige Zeit“ vorbei. Und dann sagt er einen Satz, einen echten Staeck, Plakatpoesie: Der Krach um den alten Präsidenten sei „Schnee von gestern, wir interessieren uns für die Lawinen von morgen.“

So viel scheint sicher: Mit einem Präsidenten Staeck wird sich die Akademie der Künste wieder stärker ins Kulturell-Politische einmischen, auch wenn er Aktionismus ablehnt und mit erkennbarem Trotz erklärt: „Meine Plakatkunst war immer auf eine längere Halbwertzeit angelegt.“ Er bezeichnet sich als Pragmatiker und politischen Kopf, aber er sei eben auch Künstler. Im Übrigen: Man soll das Präsidentenamt nicht mehr so hoch hängen und glamourös betrachten, sondern viel mehr im Team arbeiten.

Staeck und Hertling sitzen an einem kleinen Tisch im so genannten Lesezimmer, im Rücken die Französische Botschaft und die Bankgebäude am Pariser Platz. Und es kommt einem vor, als sei hier ein Zeitsprung passiert, eine akademische Rolle rückwärts. Klaus Staeck: Da spürt man die alte Bundesrepublik, den sozialdemokratischen Geist von einst. Und Nele Hertling, die nun in den Schoß der Akademie zurückkehrt, bringt auch ein Stück gutes, altes West-Berlin zurück.

Gewiss, es gab auch Kandidaten aus dem Osten, den Komponisten Udo Zimmermann zu Beispiel, auch der Alt-Linke Staeck war zunächst Mitglied der Akademie (Ost). Doch die alten Gräben scheinen überwunden. Um Ost und West geht es nicht mehr, vielmehr um die Substanz der Akademie. Was will sie? Staeck sagt, nicht ohne kämpferischen Unterton: „Die Akademie ist ein Stück öffentlicher Raum. Die Räume, in denen man Demokratie praktizieren kann, werden immer enger. Und die Möglichkeiten, unabhängig seine Meinung zu sagen, werden weniger.“ Genauer führt er diese leicht hysterischen Parolen nicht aus, fügt aber hinzu, dass es für seine Generation „unverzeihlich“ wäre, eine Institution wie die Akademie der Künste einfach einschlafen zu lassen.

Aber danach hatte es zuletzt ausgesehen. In der Öffentlichkeit gab und gibt es einen erheblichen Akademie-Überdruss. Und Staeck, der offensichtlich gut vorbereitet ist, räumt auch ein, das äußere Erscheinungsbild der Akademie sei zuletzt schlecht gewesen.

Das weiß auch Nele Hertling. Sie will nach innen wirken, die Mitarbeiter des Hauses neu motivieren. Sie sagt, die Akademie habe sich zu sehr von den jüngeren Entwicklungen der internationalen Kunst entfernt. Und sie will das tun, was sie schon immer am besten konnte – die Kooperation mit anderen Berliner Kulturinstitutionen verstärken und ausbauen.

Über die schiefen Ebenen, über das Treppengewirr des Gebäudes am Pariser Platz strömt das Publikum zum Brecht-Marathon. Die Akademie der Künste hat sich stets als vielfältiger Veranstaltungsort verstanden, und da liegt auch ihr Problem. In ihrer Multifunktionalität. Sie soll Gesellschaft und Politik beraten, wie es so schön heißt, Debatten organisieren, ihr unermessliches Archiv hüten und im Wettbewerb mit all den andern kulturellen Orten (und Akademien) der Hauptstadt bestehen. Und sich zwischen Hanseatenweg und Pariser Platz nicht verlieren. Mit all diesen Aufgaben schien die Akademie überfordert – und überfrachtet. Die Wahl von Staeck und Hertling markiert einen Einschnitt. Nach Jahrzehnten, nach Günter Grass, Walter Jens, György Konrád und Adolf Muschg hat nun kein Schriftsteller, kein homme de lettre, mehr den Hut auf. Die Pragmatiker, da hat Staeck mit seiner Selbsteinschätzung Recht, nehmen die Sache in die Hand. Staeck, der gelernte Jurist, hat dann kurz nach seiner Kür etwas wirklich Interessantes gesagt: Zum ersten Mal habe sich die Beweislast umgekehrt und die Akademie müsse selbst zeigen, wozu und zu welchem Ende sie da sei.

Nichts ist erledigt – vielleicht auch noch nicht die Berliner Akademie der Künste.

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