Kultur : Vom Rand zum Mittelpunkt

PETRA WELZEL

Um zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält, schloß Goethes Faust einen Pakt mit Mephisto.Anish Kapoor hat sich an den Rand des Erdballs begeben und des "Pudels Kern", dort entdeckt.Und jetzt schwebt sein knallroter Kardinalshut, den er von dort aus gesehen hat, mit einer Kuppel wie der vom Petersdom, im letzten Raum der zweigeschossigen Hayward Gallery in London.Er entläßt einen aus Kapoors bisher umfangreichster Ausstellung mit dem Gefühl, zumindest für diesen Moment den Mittelpunkt der Erde gefunden zu haben.

Dabei war gar nicht abzusehen, daß Anish Kapoor einmal mit seinen Arbeiten das Weltbild derartig verrücken könnte.Als man den heute 44jährigen, indisch-britischen Künstler Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre zum ersten Mal sah, formte er kleine, kegelartige und verspielte Türme.Bepuderte sie mit quietschgelben, tiefroten, enzianblauen oder schwarzen Farbpigmenten, wie ein Konditor seine Buttercremetorten in Zuckerguß taucht.Oft erinnerten diese auf dem Boden gesetzten Stümpfe an die Stupas hinduistischer Tempel.Doch das ist längst vergangen.In den letzten acht Jahren ist Kapoor mit seinen Arbeiten in jeglicher Hinsicht zum Großformat aufgelaufen.1990 vertrat er England auf der Biennale in Venedig, 1992 war er auf der documenta IX in Kassel zu sehen - ein Shooting-Star, der nicht auf der New-British-Artist-Welle schwimmt, Damien Hirst aber seinen Freund nennt.

Auf dem Boden stehen seine Raumkörper heute noch immer, oft dringen sie aber auch in die Wände ein.Blitzblanke Stahlkugeln, Spiegel, hohle Steinquader, weiterhin auch farbige Objekte - allerdings in klaren Formen.Es sind Rechtecke, Kreise oder Ellipsen.Und sie haben vor allem immer eine dritte Dimension, selbst wenn man die manchmal nicht wahrnimmt.Die Farben und Formen, die Spiegelbilder, alles verändert sich mit jedem Schritt.Selbst unter dem Rand der Welt löst sich genau im Mittelpunkt die Kuppel zu einer runden Scheibe auf.Oder in den Spiegeln: Mal kommt man sich vor wie in einem dieser Spiegellabyrinthe auf dem Jahrmarkt, mal ist die Oberfläche glatt wie die eines stillen, glasklaren Sees, und dann wieder steht die ganze Welt Kopf.So eine ausgehöhlte, polierte Stahlkugel heißt dann auch "Turning the world upside down".

Dagegen ziehen einen die farbigen Objekte immer in die Tiefe.Erst denkt man nur vor einer monochromen Wandfläche zu stehen, bis das Auge plötzlich wahrnimmt, daß da ein Loch in der Wand ist.Man geht näher heran und schon hängt man mit dem Oberkörper mittendrin.Bei zwei halben, dunkelblauen, an der Wand montierten riesigen Eiern verhält es sich genau andersherum.Der Besucher sieht den Körper bereits, doch wenn man frontal davorsteht, verschwimmt die blaue Höhle mit ihrer rauhen Haut zu einer glatten schwarzen Ebene.Man kann sich natürlich zu Recht fragen, was derartig monumentale Skulpturen bedeuten.Kapoor behauptet: "Ich habe keine Botschaft." Nur, etwas ausdrücken möchte er schon, den Betrachter anregen.

Im vorletzten Raum der Galerie steht ein schwarzer, ausgehöhlter Steinblock.Außen ist er rauh, innen glatt und glänzend.Vor dieser Spiegelfläche schimmert ein Körper, der die Form einer Weingummiflasche hat.Das Ganze nennt sich "Geist".Steht man eine Weile davor, geht die Phantasie mit einem durch: Dieser Quader, das ist doch Aladin, die Flasche darin seine Wunderlampe und Anish Kapoor der Geist, der ihr entstiegen ist und der nun in allen Räumen mit überdimensionalen Objekten zunächst für Verwirrung und schließlich - unterm roten Hut - doch für Klärung sorgt.

Hayward Gallery, South Bank, London, bis 14.Juni; Katalog ca.60 DM.

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