Kultur : Vom Restrisiko der Prinzessin ohne Erbse

GERWIN KLINGER

Philosophische Polemik kann bescheiden, liebenswürdig daherkommen, wenn sie von einem zartgliedrigen, weißhauptigen Senior vorgetragen wird.Als gewitzter Meister der Wortspitzenklöpplerei macht Odo Marquard sich gerne eine Eigenheit der deutschen Sprache zunutze und bildet ein substantivisches Kompositum, um eine kleine Stichelei zu applizieren; dann entstehen imposante Verbalhaufen wie die "Inkompetenzkompensationskompetenz".Unter dem Titel "Das Prinzessin-auf-der-Erbse-Syndrom" wollte der Träger zahlreicher geisteswissenschaftlicher Preise beim "Psychiatrisch-Psychotherapeutischen Mittwochsgespräch" der Charlottenburger Schloßpark-Klinik die Kritik an der modernen Medizin aufs Korn nehmen.Weshalb - so die Ausgangsfrage des 70jährigen Philosophen - verwandelt sich die gesellschaftliche Zustimmung zur Medizin als Errungenschaft immer mehr in mißtrauische Kritik? Die Rede sei von "wachsender Entmenschlichung" und "Verdinglichung des Patienten".Nirgendwo werde die Maßlosigkeit dieser Kritik so greifbar wie in der "Denunzierungsvokabel" von der "Apparatemedizin".Hier habe die Medizin Anteil am umfassenden Unbehaglich-Werden des Fortschritts, den man zum Agenten der Zerstörung umwerte.Erklärlich sei das nur mit einer "Erinnerungsverweigerung", die viele zivilisatorische Errungenschaften vergessen macht.

Verringerung von Not und Leiden gibt Anlaß zu gesteigerter Klage: Das sind paradoxe Reaktionsmuster, führt Marquard aus, in denen sich eine kulturanthropologische Konstante zeige, als Effekt von vier "kulturdynamischen Erhaltungsätzen".Diese sollen, dem Energieerhaltungssatz vergleichbar, psychosoziale Kompensationsbewegungen beschreiben.Es gebe eine Tendenz, Planungs- und Ordnungsanstrengungen so zu konterkarieren, daß ein kulturelles Minimum an Konfusion erhalten bleibe.Genauso sei es mit dem moralischen Empörungsaufwand - der halte seinen Level, selbst wenn er sich in Ermangelung größerer Sorgen auf die Tierethik kapriziere.Auch der gesellschaftliche Naivitätssaldo halte sich konstant, zeitige doch die wachsende Reflektiertheit beständig neue "Aufklärungswiderrufungseffekte".Der vierte Erhaltungssatz aber betrifft die Medizin.Konstant bleibe auch der "Negativitätsbedarf": Wo wirkliches Leid, wie in der Medizin, quasi zum knappen Gut werden, konzentriere sich die gesamte Energie auf wenige Überbleibsel."Wer unter immer weniger zu leiden hat, leidet unter immer weniger immer mehr" lautet das "Gesetz der zunehmenden Penetranz der negativen Reste".Die Karriere des Wortes "Rest-Risiko" sei bezeichnend für ein Leiden an der wirklichen Leidensminderung, das sich auch dann noch gegen Matratzen richte, wenn der Prinzessin die Erbse fehlt.Eine kuluranthropologische Konstante: der Mensch das nörgelnde Wesen.In ihr melde sich, provoziert Marquard, vor allem ein "luxurierendes Anspruchsdenken", das seine eigene Enttäuschungsrate steigere: "Bei guter Lebensqualität steigt die Jammerrate." Gegen die "pseudokritischen Ansprüche auf absolute Gesundheit" setzt Marquard seinen Maßhalte-Appell: Menschen seinen an die "Pflicht" zu erinnern, "nicht unwürdig über ihre Endlichkeit zu leben".

"Überzogenes Anspruchsdenken und Pseudokritik" - das ist seit 15 Jahren die Begleitmusik zu einer konservativen Gegenreform in der Gesundheits- und Sozialpoltik, die mit dem Treibwort vom "Mißbrauch" soziale Sicherungssysteme zerlegt.Marquard mag erwartet haben, daß so etwas bei Medizinern gut ankommt, als Inschutznahme der Fachleute vor den "verhätschelten und quengelnden Patienten".Doch es wurde eine unbehagliche Diskussion.Der Wissenschaftler war in der falschen Abteilung gelandet; aus dem Publikum meldeten sich vor allem Vertreter einer sensiblen, selbstkritischen Medizin.Sie berichteten von psychischen Störungen als häufigster Krankheitsursache und von unnötigen Operationen, die Leiden vermehrten.Man kritisierte Marquards undifferenzierten Fortschrittbegriff.Sein Bild der Medizin-Kritik sei ein bloßer Pappkamerad: Niemand wende sich gegen den wissenschaftlichen Fortschritt, wohl aber gegen seine Anwendung in einem medizinischen System, das sich zunehmend verselbständige und sein humanes Leitbild durch betriebswirtschaftliche Maximen ablöse.Angesichts einer Jugendarbeitslosigkeit von teilweise 25 Prozent und der Tendenz zur Spaltung in eine Medizin für Arme und Reiche sei das Bild von der Erbsenprinzessin wirklichkeitsfremd.- Odo Marquard, der sich so gern als erfahrungsfroher Vertreter der "Praktischen Philosophie" gibt, schien von diesem Praxisschock perplex.Er habe sicher übertrieben; diese Konkretisierungen könne er jetzt nicht auf jenes Abstraktionsniveau bringen, welches für ihn als Philosophen unentbehrlich sei.Der abschließende Hinweis auf das Stichwort "Fortschritt" im "Historischen Wörterbuch der Philosophie", das der angesehene Mann mitherausgibt, war ein freimütiges Eingeständnis seiner Hilflosigkeit.

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