Kultur : Vom Schweigen der Dinge - bei Wolfgang Werner

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Immer wieder wechselte Morandi geduldig auf dem Arbeitstisch wie auf einer Bühne das Arrangement seiner Vasen, Kannen, Büchsen, Flaschen und führte mit ihnen einen stummen Dialog. Er wollte auf den Grund des hartnäckigen Daseins der sichtbaren Dinge, ihrer Mitteilungsverweigerung und Isolation kommen. Sein Leben lang blieb er bei seinen reglosen "Figuren", Symbole einer auf wenige Gegenstände beschränkten Welt. Der Kunsthandel Wolfgang Werner (Fasanenstr. 72, bis 27. Mai) präsentiert eine Arbeit Giorgio Morandis aus dem Jahr 1958 (870 000 Mark)im zweiten Teil der exquisiten Schau "Stillleben der Moderne" (Teil I vgl. Tsp. vom 11. 12. 99). Morandi ist nicht der einzige Meister dieses Genres in der Ausstellung: André Derain gibt mit "Le Verre de vin" von 1911 (87 000 Mark) eine optische Entsprechung dessen, was Mallarmé als die "Musikalität" eines Gedichtes bezeichnete. Bei Juan Gris falten sich die Objekte in ein facettenreiches Strukturprinzip auseinander ("Le vase de roses", 1914, Collage) aus, während Fernand Léger in "Nature morte au buste" (1924, 360 000 Mark) den Wirklichkeitsbezug der Collage durch stereometrische Grundformen ersetzt. Chaim Soutine malt in expressiver Gewalttätigkeit eine "Oie plume" (1926/27, 350 000 Mark), eine gerupfte Gans, bei der bereits die Farbe eine fette Fleischlichkeit annimmt. Der Maler Max Beckmann baut sein "Stillleben mit rosa Muschel" (1926) in einen engen Bühnenkasten und rückt die Gegenstände übernah ans Auge des Betrachters. Henri Matisse ("Nature morte", 1941, 270 000 Mark) findet immer neue Vereinfachungen, wobei er durch dünne Umrisslinien die Vorstellung einer plastischen Form erweckt. Dagegen sammelt der späte Braque die Bruchstücke der französischen Stillleben-Tradition, die er als Kubist zerstört hatte, und baut sie neu zusammen ("Les huitres", 1949, 240 000 Mark).

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