Kultur : Vom Sein im Schein

Anja Osswald

"Ich weiß nicht, was es ist, wie ich bin", lautet der etwas sperrige Titel einer Arbeit von Bill Viola aus dem Jahr 1986, der gleichermaßen als Leitmotiv für das µuvre des 1951 geborenen Amerikaners verstanden werden kann. Viola gehört zu den Künstlern, die sich in ihren Arbeiten mit den Grundfragen der condition humaine auseinandersetzen. Geburt und Tod, Vergänglichkeit und Ewigkeit, Sein und Zeit bilden die Eckpunkte seines konzeptionellen Koordinatensystems. Innerhalb solch gewichtiger Bezugspunkte sucht Viola dem menschlichen Dasein unter autobiografischen Blickwinkeln auf die Spur zu kommen.

Dabei vertritt Viola, der neben dem Koreaner Nam June Paik bereits zu den Altmeistern der Kunstform Video zählt, keine autoritären Standpunkte. Seine meditativen Bildfindungen wollen weit eher Ausgangspunkte für Bewußtseinsreisen des Betrachters sein, Basislager der Imagination gewissermaßen, von der ausgehend archetypische Erfahrungen evoziert werden.

Das flammende Wasser

Die Metapher des Reisens steht auch im Zentrum von "Going Forth By Day", der jüngsten Videoinstallation Violas, die als Auftragsarbeit für das Deutsche Guggenheim Berlin entstanden ist. Die fünf Videoprojektionen "Feuer Geburt", "Der Weg", "Die Sintflut", "Die Reise" und "Erstes Licht" verweisen schon in ihren Titeln auf zyklische Bewegungen, auf Prozesse von Werden und Vergehen, die in den Bildfolgen selbst thematisch werden.

Den Auftakt bildet die Projektion eines in flammend rotem Wasser schwimmenden Körpers als Metapher für Geburt und Tod. Sie stellt im Rahmen der Inszenierung eine Art Initiation für den Besucher dar. Danach eröffnet sich ihm ein kunstvoll arrangiertes und mit neuester digitaler High-Definition-Videotechnologie aufgenommenes Panorama von friesartig an die Wände des abgedunkelten Installationsraumes projizierten Bildern. Links fällt der Blick auf die lang gestreckte Darstellung eines Stromes von Menschen, der sich langsam durch einen lichten Kiefernwald bewegt. Dem Eingang gegenüber ist eine Straßenszene mit einer kulissenhaften Hausfassade projiziert, vor der sich Menschen treffen, reden und wieder auseinandergehen. Diese Szene wird jäh durch eine plötzlich hereinbrechende Sturzflut unterbrochen. Die beiden letzten Projektionen zeigen eine arkadische Küstenlandschaft mit einem Pavillon, in dem ein sterbender Mann liegt, sowie einen Rettungstrupp, der nach getaner Arbeit erschöpft am Ufer eines Sees Rast macht. Jede der fünf simultan ablaufenden Bildsequenzen dauert ungefähr eine halbe Stunde - genug Zeit, sich auf deren enigmatischen Charakter einzulassen und das wahrzunehmen, wovon die Bilder erzählen: meditative Ruhe, Zeitlosigkeit und ein Aufgehobensein im Lauf der Dinge.

Hierzu trägt nicht zuletzt die äußerst artifizielle Inszenierung bei. Mit der collagehaft wirkenden Kombination der Bildelemente schafft Viola eine Art Hyperrealität, die die Grundlage für eine Selbsterfahrung des Betrachters bildet. In der Transformation der Bilder zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit entwirft er ein Sinnbild des Übergangs vom Rationalen in die Sphäre des Unbewußten, vom Schein zum Sein.

Violas visionärer Stil ist hier wie in anderen Arbeiten nachhaltig von den Lehren islamischer, buddhistischer und christlicher Mystiker geprägt. Er zelebriert eine Kunst des eigentlich Unsichtbaren, eine Kunst, die sichtbar macht, was nicht zu sehen ist. Aus dieser Perspektive erhält das Medium des Videos schließlich seine besondere Bedeutung für den Künstler. Gerade aufgrund seiner Zeitlichkeit und dem damit verbundenen ephemeren Charakter der elektronischen Bilder erweist sich das Medium seiner Auffassung nach als prädestiniert für transzendente, die Grenzen des Sichtbaren überschreitende Erfahrungen. In den Worten Violas: "Dadurch, dass die Materialien des Videos und im weiteren Sinne auch die beweglichen Bilder Instrumente der Zeit sind, gehört zu ihrer Natur auch diese Zerbrechlichkeit der zeitlichen Existenz. Bilder werden geboren, sie werden geschaffen, sie existieren, und durch das Berühren eines Schalters sterben sie wieder."

Beschworen wird hier eine Unschuld der Bilder, die allerdings angesichts der ideologischen und politischen Rolle, welche gerade die elektronischen Kommunikationsmedien heute spielen, zumindest zweifelhaft erscheint. Und eben hierin besteht das Zwiespältige von Violas Ansatz. Stellt seine auf Kontemplation und zeitlose Wahrheiten rekurrierende Installation tatsächlich den Versuch einer Rettung dar? Möchte sie den Menschen wieder an das "Wesentliche" heranführen? Oder beinhaltet sein Projekt eher eine Flucht aus der Realität?

Insbesondere im Hinblick auf die jüngsten historischen Ereignisse - und deren mediale Verarbeitung - drängt sich die Frage auf, ob es in Zeiten von Terror und Gewalt genügt, auf die Grundlagen der menschlichen Existenz zurückzugehen, oder ob es anderer, spezifisch zeitgenössische (Medien-)Erfahrungen einschließender Mittel bedarf, um, mit dem Titel des berühmten Buches des von Viola geschätzten Aldous Huxley, die "Pforten der Wahrnehmung" zu öffnen.

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