Kultur : Vom Sieg der kleinen Geschichten über die großen Ausgebrannten

JAN SCHULZ-OJALA

Applaus für einen größenwahnsinnigen Dummejungenstreich - und doch: Frankreichs neues Kino, derzeit das vitalste des Kontinents, triumphiert in CannesVON JAN SCHULZ-OJALAEine kleine Geschichte: Isa, 21, Streunerin mit Riesenrucksack, auf Zwischenlandung - in Lille.Bei einem dieser lausigen Zufalls-Fabrikjobs lernt sie Marie kennen, auch die unbehaust, nur untergeschlüpft in einer leeren Wohnung: Die Mieterin ist tot nach einem Verkehrsunfall, ihre Tochter liegt im Koma.Isa zieht bei Marie ein, so streunen sie durch die Tage, durch provisorische, immer unfriedlichere Lieben.Maries Lieben; Isa sieht lieber ab und zu nach der Todkranken.Oder richtet Marie auf, sucht sie anzustecken mit ihrer Unkompliziertheit, ihrer Glücksfähigkeit.Aber Marie verstrickt, zerstreitet, zerstört sich.Und Isa, ein Engel in dieser hoffnungslos irdischen Welt, muß hinüberschlüpfen in die nächste Wohnung, den nächsten Job, die nächste kleine Geschichte.Andere kleine Geschichte: France, Anfang Zwanzig, Streunerin mit einer Sporttasche voll Geld, ist verschwunden.Der alte Knacker und Nachtclubbesitzer, der sie heiraten wollte, will das Geld zurück, aber vor allem sie.Ein Detektiv, der zum Streuner durch das Leben anderer wurde seit der eigenen Scheidung, soll sie suchen.Spürt ihr nach, von der Provinz nach Paris und zurück, spürt sie auf.Weiß, daß sie von lausigen Zufallsjobs hinüberwechselte in das Leben einer Gelegenheitsprostituierten, stolze, einsame, selbstständige Unternehmerin, und zurück in Zufallsjobs.Ein unstetes Leben, das kein Warum kennt, nur: voran.(Sich) verkaufen, (andere) kaufen.So wie das Leben des Detektivs, der ihr folgt und sie laufenläßt, um irgendwann hinüberzuschlüpfen mit ihr in die nächste Stadt, die nächste kleine Geschichte."La vie rêvée des anges" (Das geträumte Leben der Engel), Erstlingsfilm von Erick Zoncka und erster wahrer Aspirant auf eine der Palmen des Festivals, und "A vendre" (Zu verkaufen) von Laetitia Masson wollen nicht als erzählen - und, siehe, nach all den drögen Thesenfilmen der ersten Tage ist das Kino zurückgekehrt nach Cannes.Das französische, das derzeit vitalste des Kontinents.Anders als die Briten, die - wie Ken Loach in seinem soliden, wenig nachhallenden "My Name is Joe" - in proletarischen Stereotypen verharren, hat es sich vom Klischee der geschwätzigen Bourgeoisie à la francaise gelöst; die neue Generation der Regisseure untersucht die sich auflösenden Familien-, Arbeits- und Schichtenstrukturen genau, ohne das Erzählen zu vergessen.Und erschafft wie nebenbei neue Stars (sollte man sagen: étoiles?).Die von sinnlicher Vitalität wie durchglüht erscheinende Elodie Bouchez, sanfte Isa aus "La vie rêvée des anges", und Sandrine Kiberlain, eine sommersprossige Erscheinung voll Klugheit, Melancholie und Lebenshunger, sind erst seit wenigen Jahren auf der Leinwand zu sehen (die eine etwa in "Clubbed to Death", die andere in "En avoir ou pas") - und doch spätestens mit diesem Festival zu neuen, unvergeßlichen Projektionsfiguren der Phantasie geworden.Wie ausgebrannt dagegen die Regisseurs-Generation der Anfangfünfziger! Zu Patrice Chereau, der mit "Die mich lieben, nehmen den Zug" ein formal ebenso reizvolles wie inhaltsleeres Gesellschafts-Stilleben in den Wettbewerb schickte, gesellt sich dort nun "La Classe de neige" (Die Ski-Klassenfahrt) von Claude Miller.Was als sensibles Außenseiterporträt anhebt, die Geschichte des Noch-Bettnässers Nicolas, der unter der beunruhigenden Zuwendung seines overprotecting father leidet, wandelt sich ohne Not in einen Krimi der fadesten, unglaubwürdigsten Art.Die Kamera weidet sich mit den Mitteln des Horrorfilms an Alptraumsequenzen des Kindes - verrät dessen tiefe Lebensangst an den oberflächlichsten Schrecken des Voyeurs.Vielleicht hat Claude Miller seiner kleinen Geschichte nicht getraut.Statt sie großzuziehen, reißt er sie mitleidlos aus.Ein Film, der sich selbst zerstört.Roberto Benigni dagegen, den begnadetsten Komiker Italiens, hat der Größenwahn gepackt.Der Judenmord durch die Deutschen ist ihm gut genug für einen seinen Mitteln entsprechenden kleinen Film.Natürlich soll man über Nazis auch Witze machen dürfen."The Great Dictator" oder "Sein oder Nichtsein" sind Belege dafür, daß der zynische Irrwitz der Nazis den Witz ihrer Gegner nicht hat töten können.Benignis "La vita è bella" will - das ist ehrenhaft - auf dem Wege einer unterhaltsamen Familienkomödie dazu anstiften, daß man Mut und Heiterkeit nie verlieren darf; vor dem Hintergrund der Konzentrationslager aber ist solche Allerweltsphilosophie eine verwegen ausgedachte Kinderei, milde ausgedrückt, ihre Plazierung im Wettbewerb ein befremdlicher Dummerjungenstreich.Die erste Hälfte mag noch in Ordnung gehen - als Klamotte, Abteilung Tortenschlacht.Ein jüdischer Spaßvogel, gespielt von Benigni selbst, erturtelt sich in einem italienischen Provinzstädtchen die Liebe einer anderweitig fest Versprochenen.Sie haben ein Kind zusammen, und während sich die Wolken in Richtung Deportation zusammenbrauen, hat die Komödie - im bewußten Negieren und Überspielen der wachsenden Gefahr - ihre lichtesten Momente.Dann aber, in einem mediterranem KZ unter strahlend blauem Himmel, muß Benigni die Historie verbiegen, um die Story zu retten: Vater und Sohn werden im Lager nicht getrennt, damit Papa dem Söhnchen - aus Liebe und im scheelen Blick auf Schopenhauer, wonach die Welt aus Wille und Vorstellung besteht - den Nazi-Wahn als ein Dauer-Gewinnspiel umdeuten kann.Benigni gibt vor, eine große, eine kleine Geschichte zu erzählen; in Wirklichkeit aber exekutiert auch er - wie so manche schon auf diesem Festival - nur eine Idee.Neben einigen Buhs gab es dafür beträchtlichen Applaus in Cannes: Planet Kino?

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