Kultur : Vom Sterben lernen

Stefan Haupts Dokumentarfilm über Elisabeth Kübler-Ross

Christiane Peitz

Schön war sie nie. Muss auch nicht sein. Sturheit genügt. Zum Beispiel hatte sich das ehrgeizige Mädchen in den Kopf gesetzt, an der Uni nicht nur die besten Noten, sondern auch noch den schönsten Mann zu bekommen, damals im Zürich der Nachkriegszeit. Den kriegst du nie, sagten die Schwestern. Die junge Medizinerin kriegte ihn doch, heiratete Emanuel Ross, ging zum Entsetzen der Familie mit dem amerikanischen Arzt nach New York, bekam zwei Kinder und arbeitete in der Psychiatrie.

Elisabeth Kübler-Ross: Ärztin, Wissenschaftlerin, Sterbeforscherin. Dreiundzwanzig Ehrendoktorwürden hat sie, kaum eine Frau hat mehr. Und doch lebt sie einsam, nach einem Schlaganfall halb gelähmt, in der Wüste von Arizona. Alle paar Tage kommt eine Haushälterin, übers Wochenende ernährt sie sich von Brot, der Fernseher läuft ohne Ton. 77 Jahre ist sie alt und weiß genau, wem sie nach ihrem Tod zu begegnen gedenkt: Gandhi, Carl Gustav Jung und Pestalozzi. Da ist sie wählerisch, sagt sie in Stefan Haupts Film-Essay „Elisabeth Kübler-Ross – Dem Tod ins Gesicht sehen“.

„Mein Leben hat als zweipfündiger Drilling angefangen", begründet sie ihre buchstäblich angeborene Fähigkeit, widrigen Umständen zu trotzen. Wer von Anfang an minimale Überlebenschancen hat, lernt schnell, diese zu nutzen. Und wer mit gleich zwei quasi identischen Schwestern aufwächst, bezweifelt früh jede Identität. Respekt vor Vätern, Lehrern, Patriarchen? Bloß nicht. Angst vor dem Tod? Achtung vor den Sterbenden ist wichtiger. Und dann diese Sprache: eine krude Mischung aus Amerikanisch und Schwyzerdütsch, manchmal wechselt sie das Idiom mitten im Wort. Transition – Übergang nennt sie den Tod. Und hat seine Existenz zeitweise sogar öffentlich bestritten.

Der Schweizer Regisseur Stefan Haupt, der 2002 auf dem Saarbrücker Max-OphülsFilmfest mit seinem Spielfilm „Utopia-Blues“ debütierte, nähert sich dieser faszinierenden, schwierigen Frau mit atmosphärischen Mitteln. Ein hoher Wüstenhimmel, Kakteen, Oberleitungen. Die Schweizer Alpen, die Berge von Arizona, Wolkengebirge. Immer wieder Plansequenzen, immer wieder eine Festtafel: eine Hochzeit vielleicht, eine Taufe, ein Leichenschmaus. Lebensstationen, Auskünfte der Schwestern, von Freunden und Kollegen. Und dazwischen die alte Frau in ihrem Chaos mit ihren verschmitzten, streitbaren Sätzen.

Haupt lässt seine Protagonistin in Ruhe. Zwar verschweigt der Film nicht, dass sie irgendwann ihre Familie trotzig verließ, weil die Arbeit ihr über alles ging. Er verschweigt nicht, dass die Gründerin der Hospiz-Bewegung, die das Sterben für Tausende von Kranken und deren Angehörige menschenwürdiger gemacht hat, die das Tabu namens Tod brach und die Welt lehrte, was man von Sterbenden lernen kann – dass diese Menschenkennerin eines Tages ins Esoterische abdriftete. Dass sie nicht nur Dankbarkeit, sondern auch Hass und Unverständnis provozierte. Dass sie nun schrecklich allein ist und nach so viel beruflicher Nächstenliebe mühsam die Selbstliebe lernen muss. Aber der Film vermeidet jegliche Konfrontation, jegliches Streitgespräch über den (womöglich notwendigen) Preis des Eigensinns. Das ist schade: Einem Disput wäre Kübler-Ross bestimmt gewachsen.

Vielleicht erging es dem Regisseur bei der Begegnung mit Elisabeth Kübler-Ross wie der Zuschauerin. Sie ist unwiderstehlich. Sie braucht nur zu erzählen, wie sie Patienten für ein Weihnachten zu Hause kidnappte oder wie sie sich bei Steven Spielberg die Lizenz für ET-Luftballons verschaffte. Wer mag da widersprechen.

Broadway, FT Friedrichshain, Hackesche Höfe, (OmU), Neue Kant Kinos (OmU), Yorck

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