Kultur : Vom Stoff, aus dem die Puppen sind

GÜNTHER GRACK

Regie als höhere Gewalt.Der Regisseur, ein Gott von eigenen Gnaden.Robert Wilson, ein Theatermacher, der vor allem eines machen will: sein Theater - nicht das der Autoren.Er träumt vom schönen, frei im Raum schwebenden, in sich kreisenden Bild und zwingt alle Welt, diesen Traum mit ihm mitzuträumen.Der Regisseur, ein Hypnotiseur, der mit seiner magischen Kraft nun, wieder einmal, das Berliner Ensemble wie das Berliner Publikum bezwungen hat."Dantons Tod", eine Koproduktion mit den Salzburger Festspielen (Tagesspiegel vom 27.Juli), wiederholt sich jetzt am Schiffbauerdamm - ein Tod, den allerdings nicht nur der Revolutionsheld des Stückes erleidet, sondern auch Georg Büchners Drama selbst muß sein Leben lassen.

Denn der Kampf für eine bessere Welt, den die Protagonisten der Französischen Revolution austragen, Robespierre und Danton, die einstigen Verbündeten, in tödlichem Widerstreit: er hat hier seinen Feueratem verloren.Das politische Theater um die ideale Republik, die strittige Frage, wieviel "Schrecken" nötig sei, um die "Tugend" der im Kampf gegen die Monarchie errungenen Staatsform zu bewahren: Robert Wilson ist nicht daran interessiert, die fortdauernde Aktualität dieser Auseinandersetzung spüren zu lassen, für ihn ist das alles nur ein ferner Widerschein aus längst vergangenen Tagen.Figurinen aus dem 18.Jahrhundert, in Posen gebannt wie auf alten Gravuren der Zeit, ausgeschnitten und zu einer Collage gefügt, so drehen und wenden sie sich zur klingelnden, klöppelnden, rasselnden Musik einer Spieluhr.

Sind dies noch Menschen? Oder schon Puppen? Eine existentielle Frage für Stück und Inszenierung, eine Frage, die schon der Autor stellt: "Was ist das, was in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet?" fragt Danton seine Frau Julie, ein Mensch in seinem Widerspruch, und äußert in bitterster Verzweiflung die Vermutung: "Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen ..." Dantons Wort in Wilsons Ohr! Der Regisseur hat sich die These prompt zu eigen gemacht und als Legitimation für seine Drahtzieherei begriffen; fortan verwandeln sich die Spieluhrfiguren, die er anfangs gezeigt hat, in Marionetten.Thomas Payne, der hinter Gittern über Gott und die Welt philosophiert: der Schauspieler Fritz Marquardt wackelt dazu mit dem Kopf, als hinge der an einem unsichtbaren Faden.Vollends ein Marionettenspieler ist der Henker, der hier seines Amtes waltet: der Schauspieler Axel Werner, in pechschwarzem Gewand wie ein Totentänzer ausstaffiert, senkt nur die hocherhobene Hand, und schon sinken seine Opfer unters Fallbeil.Axel Werner hat im übrigen gemeinsam mit Hermann Lause, der seinerseits in weißen Lumpen daherkommt, allerlei Typen aus dem Volk zu spielen, eine grotesker als die andere: auch dies eine Selbstherrlichkeit des Regisseurs dem Autor gegenüber, der gewiß nicht in jedem Mann von der Straße einen Clown gesehen hat.

Die von keinem Buhruf getrübte freundliche Aufnahme, die Wilsons Inszenierung beim Berliner Publikum fand, mutet, denkt man an frühere Premierenschlachten in dieser Stadt zurück, verwunderlich an.Vielleicht war man schlicht in Feierstimmung, was so hochgeschätzte Künstler wie Martin Wuttke und Edith Clever betrifft.Beide leisten in der Tat höchst Sehens- und Hörenswertes: Wuttkes Danton in der Rede vor dem Revolutionstribunal, die sich zu einer atemberaubend furiosen Tirade auswächst.Und Edith Clever als Marion, die Doyenne unter den Grisetten: "Ich bin immer nur eins, ein ununterbrochnes Sehnen und Fassen" - eine Odaliske von mondbleicher Schönheit, übersetzt die Darstellerin die Lebensbeichte der großen Hure in die Sprache eines sich pflanzenhaft windenden Körpers.

Bis 5.November, 23 Abende, 19.30 Uhr.

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