Kultur : Vom Tünnes zum Hamlet

HARALD MARTENSTEIN

Willy Millowitsch ist immer stolz darauf gewesen, daß sein Theater keine Subventionen braucht.Es gab eine einzige Ausnahme, auch auf die war er stolz.1945 stellte der von den Alliierten eingesetzte Oberbürgermeister von Köln dem Theaterchef Baumaterial zur Verfügung."Se kriejen alles, wat Se brauchen", soll Konrad Adenauer zu Willy Millowitsch gesagt haben, "damit de Leute wieder wat zu lachen haben." Eine rheinische Republik bahnte sich an.

Es wird gerne gesagt, daß die Deutschen einen schlichteren Humor besitzen als andere Völker.Der deutsche Humor ist international nicht konkurrenzfähig.Vielleicht hängt es damit zusammen, daß unser Humor föderal strukturiert ist, wie das Land, und deswegen oft etwas Kleinteiliges, Enges hat.Was deutscher Humor ist, läßt sich schwer sagen, aber es gibt zweifellos norddeutschen Humor, bayrischen Humor oder rheinischen Humor.Der rheinische Humor, dessen bekanntester Vertreter Willy Millowitsch heißt, ist oft derb und schenkelklopfend, machen wir uns da nichts vor.Aber er ist auch bemerkenswert unaggressiv.Millowitschs Theater ist so, wie die Bonner Republik gerne erscheinen wollte: bescheiden und sympathisch.Ein wenig bieder.Ungefährlich und ziemlich lässig.Millowitsch hat seine Witze lieber auf seine eigenen Kosten gemacht, als auf die anderer Leute.Lieber macht er sich selber zum Trottel, als andere.

Der schönste Moment jeder Millowitsch-Aufführung kommt dann, wenn der Mime sich augenzwinkernd an sein Publikum wendet und sich gemeinsam mit ihm über die bescheuerte Figur amüsiert, die er da zu spielen hat.Ein seriöser Schauspieler tut so etwas nicht, Millowitsch darf das.In seinen späten Jahren haben trotzdem die seriösen Regisseure ihn entdeckt, sein verwittertes, verschmitztes Gesicht tauchte plötzlich bei Rudolf Noelte im "Hamlet" auf und bei Jürgen Flimm.Millowitsch spielt, seit er ein alter Mann ist, Molière-Figuren und Fernseh-Kommissare.Er hat diesen späten Lorbeer nie übermäßig ernst genommen.Denn er wollte, wie die Bonner Republik, nie mehr sein, als er ist.Und man möchte Willy Millowitsch auch nicht wirklich als König Lear sehen.Millowitsch ist längst jenseits des Respektes angelangt, denn wer so geliebt wird wie er, der hat Respekt nicht mehr nötig.

In Köln heißt es, daß Oberbürgermeister Burger sein Amt hauptsächlich einer weitläufigen Ähnlichkeit mit Millowitsch verdankt.Aber Millowitsch ist gebrechlich geworden.Die Hamburgerin Heidi Kabel beendet ihre Laufbahn.Die Bayern Beppo Brem und Gustl Bayrhammer, die Schwaben Willy Reichert und Oscar Heiler sind tot.Die großen Volksschauspieler sterben aus, es wächst kaum etwas nach.Der Sachse Wolfgang Stumph vielleicht.Das Regionale hat sich ins Kabarett verlagert.Die Familie und der Bruch mit den Konventionen des kleinbürgerlichen Alltags: aus diesen Quellen schöpft das Volkstheater seit jeher den größten Teil seiner Späße.Immer sitzt irgendwo ein granteliger Großvater herum, eine Schwiegermutter kommt zu Besuch, oder im unpassendsten Moment rutscht eine Hose.Wie lustig kann Volkstheater in einer Welt sein, die Konventionen nicht mehr so wichtig nimmt und in der viele nicht mehr in einer traditionellen Familie aufwachsen?

Mit dieser Frage muß sich jetzt Peter Millowitsch herumschlagen, Willys Sohn, der das Theater 1996 übernommen hat, als mindestens sechstes Glied in einer ununterbrochenen Familiendynastie.1796 wurde einer der Ahnen zum ersten Mal erwähnt, als Moritatensänger.Später waren die Millowitschs Puppenspieler, um die letzte Jahrhundertwende herum stiegen sie auf Mundarttheater um.Willy Millowitsch war 56 Jahre lang Theaterdirektor, von 1940 bis 1996.Willys Vater hat in Köln das Duo Tünnes und Schäl populär gemacht, und von Willys vier Kindern stehen drei zumindest im Nebenberuf auf der Bühne.Die Millowitschs sind ein Fürstenhaus des Theaters.

Ohne das Fernsehen wäre Willy allerdings ein Provinzfürst geblieben.Das Fernsehgerät, um das die bundesdeutsche Familie sich vor ihrer Krise ein letztes Mal einträchtig versammelte, hat das Volkstheater groß gemacht.1953 kam aus Köln die erste deutsche Liveübertragung eines Theaterabends, "Der Etappenhase" mit Millowitsch.Adolf Grimme, nach dem der renommierteste deutsche Fernsehpreis benannt ist, nannte dieses Ereignis damals eine "Kulturschande".1962 erreichte Millowitsch mit einem anderen Schwank eine Einschaltquote, die bis heute als Rekordmarke gilt: 88 Prozent.Das Fernsehen der damaligen Zeit, das oft didaktisch ist und fast immer prüde, erreicht meist dann einsame Gipfel der Zustimmung, wenn es sich in die Grenzbereiche des Schicklichen wagt, in die Kulturschandenzone, wo manchmal eine kleine Schlüpfrigkeit riskiert wird - Millowitsch, das Ohnsorg-Theater, "Mainz wie es singt und lacht".

Millowitschs Volkstheater träumt von der allumfassenden Harmonie, am Ende müssen sich immer alle liebhaben.Zotig oder peinlich wurde es bei Millowitsch selten.Statt dessen konnte man hinter seinem leutseligen Frohsinn manchmal etwas anderes spüren, etwas Trauriges.Vielleicht war es Melancholie.Vielleicht auch nur Sentimentalität.Millowitsch besitzt sie, diese Eigenschaft der großen Komödianten: Er läßt durchblicken, daß er seinen eigenen fröhlichen Lügen nicht ganz glaubt.Heute wird er 90 Jahre alt, und Köln liegt ihm zu Füßen.Ein Rheinland ohne Willy? Das kann kein Mensch sich vorstellen.

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