Kultur : Vom Verschwinden der Architektur

Bernhard Schulz

Architektur und Skulptur weisen stärkere Verbindungen auf, als es die strikt getrennte Geschichtsschreibung beider Gattungen wahrhaben will. Mit dieser Erkenntnis beschäftigt sich die Ausstellung „ArchiSkulptur“, die nun in Wolfsburg eröffnet wurde und einen Bezugspunkt bildete für den Vortrag des Architekturtheoretikers Aaron Betsky in der Berliner American Academy. Das Feuerwerk unterschiedlichster Bilder, das er dabei auf die Leinwand zauberte, machte es nicht leichter, dem anspruchsvollen Thema „Die Bedeutung des Nichts: jenseits von Kunst und Architektur“ zu folgen. Betsky, Jahrgang 1958, ist seit 2001 Direktor des renommierten Niederländischen Architekturinstituts in Rotterdam; zuvor war er in ähnlicher Funktion in San Francisco tätig und verfügt zudem über Erfahrungen in Architektur- und Designbüros.

Sein Vortrag beleuchtete das graduelle Verschwinden der Architektur in der Gegenwart, wo sie in einer künstlichen Umgebung Bestandteil eines allumfassenden Environments wird. Betsky unterscheidet „Architektur“ und „Bauen“. Architektur in seinem Sinne erlangt die Qualität reiner Zeichenhaftigkeit, wie etwa Norman Fosters gurken- oder auch phallusförmiger Büroturm in London. Dass die Gegenwartsarchitektur unter vorgeblichen Sicherheitsaspekten mehr und mehr den Menschen ausschließt, wäre mehr als beiläufige Anmerkungen wert gewesen. Ebenso hätte die Beobachtung, dass Architektur und Kunst im frühen 20. Jahrhundert das „Nichts“ suchten – man denke an Malewitschs „Schwarzes Quadrat oder Mies van der Rohes räumlich aufgelösten Barcelona-Pavillon –, vertiefende Beobachtung geboten. Doch Betsky ließ sein suggestives Lichtbildprogramm fortlaufen, streifte die Minimal Art als Formalisierung des bloßen Nichts und landete bei seinem früheren Arbeitgeber Frank Gehry sowie Zaha Hadid. Damit ist eine Architektur angesprochen, die nicht mehr vorrangig profaner Nutzung dient, sondern ihre eigene Zeichenhaftigkeit vorführt. „Architektur wird zur starken Aussage, als ob sie ihr eigenes Verschwinden negieren“ wolle, so Betsky. Was er danach an Bildbeispielen bot, ging ins Zufällige – Ausdruck einer Unbehaustheit, dem Zeitalter virtueller Realitäten wohl angemessen. Mehr als Ratlosigkeit, wenngleich glänzend formuliert, bleibt am Ende seiner Ausführungen allerdings nicht.

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