Kultur : Vom Verschwinden des Autors hinterm Wasserglas

THOMAS RATHNOW

Wie groß die Einsamkeit von Schriftstellern sein kann, das erfährt man erst, wenn mehrere von ihnen zusammenkommen.Gelegenheit zum Austausch bot ihnen auch in diesem Jahr das Autorentreffen "Tunnel über der Spree", das nun schon zum achten Mal im Literarischen Colloquium Berlin stattfand.Nachdem über die Bedeutung der Avantgarde nachgedacht worden war, später der Balkankrieg im Mittelpunkt gestanden hatte, daraufhin die Chaostheorie auf Anregungen geprüft wurde, war man im vergangenen Jahr bei der resignativen Vorgabe "Überdruß und Überfluß""angekommen.Diesmal widmete man sich dem Thema, "Der Trend zum Event? Autoren und ihre Performance" (die bisher üblichen Werkstattlesungen entfielen.) Obwohl es also um den Wandel in der öffentlichen Präsentation, Vermarktung und medialen Verarbeitung von Literatur gehen sollte, entschieden sich die Autoren, unter sich zu bleiben; Buchhändler, Fernsehmacher oder gar Kulturmanager waren nicht dabei.

Zölibatär in der Provinz

Dagegen ist im Prinzip nichts zu sagen.Der "Tunnel""ist mit Absicht nicht als öffentliche Tagung, gar als Experten-Hearing konzipiert, das vernünftig klingende Ergebnisse hervorbringen muß.Befreit auch von der Last des Kritisierens und Kritisiertwerdens, nahmen die 16 anwesendenen Autorinnen und Autoren mehr oder weniger beherzt den Faden auf, der in der Themenformulierung angelegt war.Das heißt, sie sprachen vor allem von sich selbst.Dieses Bedürfnis, einander die eigene Befindlichkeit mitzuteilen, dürfte nicht nur eine Folge jener Einsamkeit des Schriftstellers sein, die mit der Arbeit des Schreibens selbst einhergeht.So richtig mutterseelenallein fühlt sich der Autor nämlich vor allem dann, das wurde in der Idylle am Wannsee deutlich, wenn ihn sein Verlag vom seltsamen Wunsch getrieben, einige seiner Bücher zu verkaufen, zwingt, an entlegenen Orten seine Texte vorzutragen.Die Lesung in der Provinz bei blendendem Licht, defektem Mikrofon und fehlendem Wasserglas vor einem kleinen Häuflein Leser, diese Konstellation treibt dem Schriftsteller den Angstschweiß auf die Stirn.Schlimmer ist nur, zu einem der zahllosen Stipendien verurteilt zu werden, die sich Honoratioren deutscher Kleinstädte ausgedacht haben, um sich selbst mit Kultur zu schmücken und Autoren in zölibatäre Nomaden zu verwandeln.

Bei aller Selbstironie, mit der beispielsweise Ursula Krechel und Uwe Kolbe von ihren entsprechenden Erfahrungen berichteten, die Diskussion im LCB war insgesamt von der tiefen Sorge bestimmt, daß es mit der öffentlichen Aufmerksamkeit für Literatur, für Lyrik zumal, bald endgültig vorbei sein könnte.So ein Schriftstellertreffen ist daher auch eine Ermutigungsveranstaltung für Leute, die an der eigenen Marginalisierung leiden.Die Lyrikerin Brigitte Oleschinski war da eine perfekte Versammlungsleiterin: Sie steuerte gutgelaunt die Gespräche dorthin, wo sie sie haben wollte, und war stets mit einem lobenden Wort für die "hinreißenden" Beiträge zur Stelle, wenn gerade keiner mehr weiter wußte.Außerdem vertrat sie eine Position, die mal wieder auf ein Ende der Bescheidenheit hinauslief.Für das Lautwerden ihrer Lyrik angemessen wäre ein Theater, gefüllt mit 500 Menschen; erst dann entstehe der Resonanzkörper, den ihre Texte bräuchten.

Wäre das nun ein Event? Und damit abzulehnen? Oder gerade nicht? Kaum zu sagen, auch nicht nach zweitägiger Debatte, denn es fiel den Dichtern schwer, Event und Inszenierung, Spektakel und Ereignis, kulturindustrielle Vereinnahmung und gelungenen Auftritt zu unterscheiden.Das lag weniger am fehlenden Willen zur begrifflichen Klarheit, sondern an einer grundlegenden Unsicherheit der Autoren in ihrem Verhältnis zum Publikum: Öffentlichkeit nicht als Partner, sondern als großes Rätsel.

Manche geäußerte Klage über die Zumutungen vor allem des Fernsehens an die Selbstdarstellung von Autoren hatte freilich etwas leicht Kokettes.So arg gefragt dürften die wenigsten der Versammelten sein.Und wenn Burkhard Spinnen, der die Tagung rhetorisch beherrschte und dem man einen ebenbürtigen Gegenspieler gewünscht hätte, den jungen österreichischen Erzähler Arno Geiger, der auf die simplen Chance von Lesungen hinwies, ein Buch zu befördern und ein paar Mark zu verdienen, professoral zu Rede stellte hinsichtlich seines Verhältnisses zum geschriebenen Text, dann fühlte man sich an die Art erinnert, in der in germanistischen Oberseminaren Distinktionsgewinne erzielt werden.

Erfreulicherweise bildeten sich aber keine festen Fronten.Emphatiker und Theoretiker, Puristen und Pragmatiker wechselten munter die Rollen, allerdings wuchs die Zahl derer, die nach und nach ganz verstummten.Zu ihnen gehörte auch Werner Fritsch, der, auf eigene Arbeiten gestützt, ein Plädoyer für "multimediales Erzählen" gehalten hatte.Nicht nur er wirkte gelegentlich verblüfft über das Schlingern der Diskussion zwischen Platitüde ("Eine Romanverfilmung ist etwas ganz anderes als der Roman selbst.") und dem mühsamen Wiederaufwärmen angestaubter Theoreme vom Tod des Autors und dem Verschwinden des Subjekts.

Aus der Distanz des Beobachters entbehrte es nicht einer gewissen Komik, lauter Autoren dabei zuzusehen, wie sie sich gegenseitig an den Mythos von Autorschaft erinnerten.Unterstellt wurde dabei durchweg, daß es die Leser und die Medien seien, die albernerweise einer völlig antiquierten Auffassung vom Autor als Garant der Aura eines Werks und als Bild einer selbstbestimmten, schöpferischen Existenz anhingen.Man selbst hatte das alles glücklich hinter sich.

Endlich ein Manifest

Doch diese Aufgeklärtheit half nicht, das vorgenommene Thema konkret auf den derzeit stattfindenden Strukturwandel der Verlags- und Buchhandelsbranche zu beziehen.Als Ulrike Draesner in ihrem Statement schlußfolgerte, es müsse grundsätzlich über den Zusammenhang von Literatur und anonym gewordener Macht nachgedacht werden, war ein Gipfel an Abstraktion erreicht.Für ein paar Augenblicke herrschte ohnmächtiges Schweigen.Eine Rückbindung an die tägliche Praxis von Schriftstellern schien von hier aus kaum mehr möglich.Doch weit gefehlt: Zuletzt entschied man freudig, eine Erklärung auszuarbeiten (Spinnen: "Ich will endlich auch einmal an einem Manifest mitarbeiten!"), die allen Veranstaltern von Lesungen als Gebrauchsanweisung dienen soll.Es geht eben auch ums richtige Wasser im Glas.

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