Vom Wahn des Zelebriertwerdens : Erinnerungskultur ohne Ende

Von den Weltkriegen zum Mauerfall: 2014 wird das Jahr der Riesenjubiläen. Längst aber umfasst der dezimalsystemgesteuerte Feierwahn alle Bereiche. Ein Bollwerk gegen den kollektiven Gedächtnisverlust? Ein Essay über die Zeit und das Zehnfingersystem.

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"Alice im Wunderland" - hier Mia Wasikowska in Tim Burtons Verfilmung von 2010 - kommt ohne Jubiläen aus. Hier wird eher "Nichtgeburtstag gefeiert.
"Alice im Wunderland" - hier Mia Wasikowska in Tim Burtons Verfilmung von 2010 - kommt ohne Jubiläen aus. Hier wird eher...Foto: IMAGO

Zehn Finger haben wir Menschentiere, zehn Zehen auch. So wurde das dezimale Zählen erfunden, vom Daumen bis zum kleinen Finger, rechts, links, eins bis fünf, fünf bis zehn, die Basis des Dezimalsystems. Decem ist Lateinisch für „zehn“, decies das Wort für „zehn Mal“. So hat also das Zählen Hand und Fuß, und damit wurde ein Teil unserer Physis zur praktischen Basis für das Maß der Dinge. Auch für das Erzählen. Ordentlich sortieren wir etwa unsere Geschichte und deren Zäsuren, die als unausweichliche präsentiert werden. 5, 10, 50, 100, 500 Jahre: Das müssen wir begehen! Diesem Datum (noch mal Latein: „datum“ heißt schlicht „das Gegebene“) entrinnen wir nicht, nein, wir müssen erinnern, in Fünfer- und Zehnerschritten. Das unter den markierten Daten laufende gängigste Band zur Reihung der Jahre auf der Zeitachse orientiert sich am mutmaßlichen Geburtstag von Jesus Christus, dem Patron für den Startpunkt des geltenden Kalenders.

Im neuen Jahr rollen mehrere vom Dezimalsystem angetriebene Erinnerungsschübe auf uns zu: 100 Jahre sind vergangen seit dem Beginn des Ersten Weltkriegs, 75 Jahre seit jenem des Zweiten Weltkriegs, vor 25 Jahren fielen die Mauer und der Eiserne Vorhang. Unlängst, bei der Vereidigung der neuen Regierung, hat Bundespräsident Gauck die vor ihm im Schloss Bellevue aufgereihten Amtsträger schon einmal daran erinnert, dass nächstes Jahr viel erinnert werden muss. Unter dem Druck der bevorstehenden Jahrestage und Jubiläen haben die Eiligen und Fleißigen nicht nur bereits geplant und Archivarbeit geleistet, sondern antizipierend publiziert und sich entsprechend in Stellung gebracht. Zeitungs- und Radioserien, Bücher und filmische Dokumentationen gehen an den Start – zehn Finger sind schließlich zehn Finger, und so wie wir zählen, so müssen wir – meinen wir – uns selber erzählen, wie wir waren und wo wir heute sind.

Gefeiert werden kann alles

Das Zehnfingererzählen der Zeit gilt auch beim Individuum. Mit „Das dreißigste Jahr“ schrieb Ingeborg Bachmann ihren berühmten Erzählzyklus zum Abschied vom Jungsein und dem einsetzenden Anfang des Zurückblickens. Da wacht ein namenloser Protagonist, eines Morgens schockiert vom bald erreichten Datum des 30. Geburtstags auf. Und entdeckt in sich eine „wundersame neue Fähigkeit“: „Er wirft das Netz Erinnerung aus, wirft es über sich, und zieht sich selber, Erbeuter und Beute in einem, über die Zeitschwelle, die Ortschwelle, um zu sehen, wer er war, und wer er geworden ist.“ Was hätte er aus sich machen können, sollen, wollen – als Philosoph ein großes Licht, als Ingenieur ein Brückenbauer, als Revolutionär ein glühender Rhetor. Stattdessen hat er alles Mögliche getrieben, hat gejobbt, herumstudiert, ist durch Europa getrampt und hat Liebeleien gesucht. „Die Welt schien ihm kündbar, er sich selbst kündbar“, schreibt Bachmann, und: „Nie hätte er einen Augenblick befürchtet, daß der Vorhang, wie jetzt, aufgehen könne vor seinem dreißigsten Jahr.“ Dann ist das Datum doch da. Und die große Ernüchterung, vor allem über sich selber.

Ähnlich wie durch fünf teilbare Geburtstage pochen andere private Zeitmarken aufs Zelebriertwerden oder Absolviertwerden – wie die Jahrestage einer Eheschließung, die silberne, goldene, eiserne Hochzeit genannt werden, als handle es sich um metallene Haltbarkeitsstempel dieses prägenden Tages. Unterschieden wird bei zeitlichen Fünfer- und Zehnermarkierungen übrigens zwischen runden (50, 80, 100 usw.) und ovalen (25, 75, 125 usw.) Jubiläen und Jahrestagen, und gefeiert werden kann alles. Das zehn- oder fünfzehnjährige Jubiläum einer Firmengründung, das zwanzigjährige eines Abiturjahrgangs, das dreißigjährige eines Popfestivals, eines Golfklubs oder VW-Modells. Yes! Sogar die Gegenstände haben ihre Jubiläen, die Staubsauger, Ottomotoren, Haushaltsmixer, Glasfaserkabel oder Wasserturbinen – alles. Ein jegliches und jedes Ding oder Bauwerk, dessen Initiation auf der Zeitskala eingetragen wurde, lässt sich mit einem dezimalem Andenk-Ereignis ausstatten. Taten natürlich auch: Vor 100 Jahren kam das erste Mal ein Mensch zum Südpol, vor 40 Jahren betrat das erste Mal ein Mensch den Mond, heißt es dann.

„Ich habe heute auch Nichtgeburtstag!“

Vor allem anderen verlangen die legendären, großen Gründungen und Entitäten ihren Dezimaltribut – Städte, Nationen, Organisationen. 2008 zum Beispiel wurde die Stadt München 850 Jahre alt. Wochenlang erinnerten Zeitungen an Heinrich den Löwen, den Gründer der Voralpensiedlung, an die Zeit der Kurfürsten, an die bayerischen Könige, an Weimar, Weltkrieg, Wiederaufbau und auch an kulinarische Münchner Mythen wie die Weißwurst.

Ohne das Insistieren auf dezimale Zeitkerben, so scheint es, droht jedes kollektive Gedächtnis in Amnesie abzugleiten oder in mythisches Schlingern. Konturen erinnerungsbedürftiger Ereignisse würden sich noch mehr verschleifen, als sie es ohnehin von Jahr zu Jahr tun. Warum überfallen den Zeitgenossen in Bachmanns Erzählung seine melancholischen Reflexionen nicht am 29. Geburtstag, nicht am 31. oder 32.? Weil es die rationalisierte, von Uhren, Kalendern und alltäglicher Vertaktung zusammengehaltene Weltkonstruktion so verlangt. Sie fordert, dass wir Schlüsseldaten begehen, zelebrieren, annehmen und verabschieden – die Zehnfingerdaten zumal.

Als normative Übereinkunft wird das Diktat des Dezimalen in der Erinnerungspraxis nicht zu brechen sein. Es rhythmisiert und ritualisiert das Gegebene und Gewesene, selbst wenn sich die fixierten Daten in den fließenden Ablauf der gegenwärtigen Zeit noch so willkürlich einmischen. Hätte es nicht 1992 massiven Anlass zur Erinnerung an den Ersten Weltkrieg gegeben, als Sarajewo belagert wurde? Und halten sich Epochen an dezimale, numerische Etappen? Längst gliedern moderne Historiker Epochen oder eine „Ära“ eher nach anderen Schlüsseldaten. So schlug Eric Hobsbawm vor, vom langen 19. Jahrhundert zu sprechen und vom kurzen 20. Jahrhundert. Demnach setzte das lange 19. Jahrhundert mit der französischen Revolution ein und endete vor dem Ersten Weltkrieg – mit welchem wiederum das kurze 20. Jahrhundert begann, das mit dem Ende des Kalten Krieges abgeschlossen war. Ein „Jahrhundert“, das mehr oder weniger als hundert Jahre hat: Als Name ist das nur noch der semantische Mantel um einen klareren, greifbareren gedanklichen Inhalt. Produktives Training für zeithistorisches Bewusstsein bietet eine tägliche Sendung wie „Tagesschau vor zwanzig Jahren“. Nicht nur, weil man im Rückblick staunen kann über das Altern von uns allen, und weil sich aus jedem Bericht zu jedem beliebigen Tag etwas lernen lässt über politische Moden, Kleidungsstile, Veränderung der Sprache. Jeder Tag ist historisch – denn jeder Tag gehört zu einem dynamischen Prozess. Das Paradox der meisten per Datum fixierten Anlässe ist, dass sie genau daran erinnern sollen, die Fixierung aber genau diesem Prozess im Weg ist. Auflösen lässt sich dieser Widerspruch kaum, nur entschärfen.

Alice im Wunderland stößt einmal auf eine verrückte Party, auf der gerade „Nichtgeburtstag“ gefeiert wird – jeder Tag des Jahres außer dem Geburtstag selber. Im Filmdialog versetzt Alice: „Ich habe heute auch Nichtgeburtstag!“ Der Märzhase erwidert: „Tatsächlich?“ Und der Hutmacher ist freudig überrascht: „Wie klein doch die Welt ist!“

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