Kultur : Vom Willen zur Präzision

Von Natan Zach.

Und dann war die Zahl der Leichen stark übertrieben:

etwa hundert, meinten die einen, andere: hundert mal sieben.

Sechsunddreißig verbrannte Frauen hab ich gezählt,

sagte einer. Sein Kollege aber sagte: weit gefehlt,

nur elf warens. Der Fehler ist kein Zufall, er ist politisch motiviert,

und wenn ich schon dabei bin: noch Weiteres gehört hier korrigiert:

man schlachtete nur acht Frauen ab, denn erschossen hat man zwei.

Und bei einer wisse man nicht, wie sie gestorben sei:

abgeschlachtet, vergewaltigt, einfach erstochen?

Auch bei den Kindern ist das letzte Wort noch nicht gesprochen:

sechs wurden gekreuzigt, eins gefoltert, ehe sein Schädel zerschlagen -

das gibt jeder zu. Doch wer könnte mit Sicherheit sagen,

dass man jene, die spurlos verschwanden, tatsächlich ins Meer warf?

Denn hier ist noch Blut, das der Erklärung bedarf:

Bei solchen Fragen muss man auf Übertreibungen gänzlich verzichten,

vorsichtig sein, gehts doch ums Strafrecht. In den offiziellen Berichten

könnte es sonst, Gott behüte, zu Fehlern kommen bezüglich der Opferzahl.

Und das wäre, mein kundiger Freund, nicht das erste Mal.

Da war den ganzen Tag ein großer Zank,

und wäre nicht von dort ein schrecklicher Gestank

aufgestiegen, wäre man zur absoluten Präzision gekommen. Oder tätlich

geworden. Denn in der Tat nicht minder menschlich

ist der Wille zur Präzision als der Wille zu töten, zu schänden,

zu liquidieren. Wen? Deine Feinde, Gegner, einen verdächtigen Fremden,

den Nachbarn von Gegenüber, oder einfach, wer dir so einfällt:

jeden Mann, jede Frau, jedes Kind auf der Welt.

Aus dem Hebräischen von Ehud Alexander Avner

Natan Zach: Verlorener Kontinent. Gedichte.

Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Berlin 2013.

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